Verkuppelt die Fußball-Kommentatoren

Von Falk Heunemann am 16. Juni 2016

Die EM-Shows der Öffentlich-Rechtlichen sind deutlich besser geworden. Bis auf: die Spielkommentatoren. Das Problem ließe sich aber leicht lösen.

Also nichts gegen Fernanda Brandao. Wirklich nicht. Die lizensierte Fitnesstrainerin, EX-DSDS-Jurorin und Ex-Spielshowkandidatin („Fort Boyard“) ist bestimmt eine kluge wie kompetente Frau. Dennoch war es nicht die beste Idee des Ersten, sie 2014 als WM-Korrespondentin durch Südamerika zu schicken und über Buntes aus Brasilien berichten zu lassen. Brasilianerin zu sein sollte gerade in öffentlich-rechtlichen Sendern nicht als Qualifikation ausreichen. Auch wenn es sich dabei um ein junges FHM-Model handelt.

An diese Altmänner-Anbiederung muss in diesen Tagen erinnert werden, wenn das Erste und das ZDF erneut wochenlang die Berichterstattung über ein internationales Fußballturnier übernommen haben, die Europameisterschaft in Frankreich. Eine Brandao kommt diesmal nicht mehr vor. Zum Glück. Nun mag es daran liegen, dass wir Frankreich ohnehin schon alle kennen, und wenn nicht persönlich, dann durch die alljährlichen Tour de France-Marathons. Woran es aber auch immer liegen mag: Der Verzicht zeigt, dass die Öffentlich-Rechtlichen tatsächlich aus ihren Fehlern lernen und besser werden können.

Tatsächlich gibt es derzeit erfreulich wenig zu beklagen an den diesjährigen Fußballübertragungen. Das ist keine Selbstverständlichkeit angesichts der Fehler der Vergangenheit, aber auch angesichts der Reflexe vieler Zuschauer, alles bei ARD und ZDF erst einmal schlecht zu finden. Ein Grund dafür ist die Lust, gar der Mut, der Redaktionen, Neues auszuprobieren. Statt der üblichen Verdächtigen im Studio sieht man da zu Beispiel plötzlich Guus Hiddink im Studio sitzen. Und er kann nicht nur Auskunft geben über die russische Mannschaft, sondern kann das auch verständlich artikulieren. Der 11Freunde des Fernsehens, Arndt Zeigler, ist inzwischen keine Spätshowrandfigur mehr, sondern festes Inventar, und statt Waldis WM-Club experimentiert Reinhold Beckmann in “Beckmanns Sportschule” mit Ironie, etwa indem er den Muskel-Tim Wiese und Ex-Torhüter von Werder Bremen ans Tor der Sportschule Malente stellt, mit Sportwagen und Sonnenbrille. Das mag nicht immer witzg sein, aber immerhin, da wird was versucht.

Oder im ZDF: Nicht nur, dass neben Oliver Welke inzwischen nicht mehr nur der ewige Kahn auftaucht, sondern regelmäßig auch Experten aus den Ländern, die gerade spielen. Und Ex-Trainer Holger Stanislawski erklärt an der VIdeoleinwand Fußballsysteme, hängende Neunen und ungeordnete Viererketten. Sich bei ihm über zu viele Füllwörter und Ähms aufzuregen, wie es manche tun, ist da eher ein Luxusproblem. Und: Sogar eine Frau darf nun endlich mal Männerfußball im Fernsehen live kommentieren, sogar nicht nur Wales-Slowakei, sondern sogar auch Italien-Schweden.

Befreit Bela Rethy!
An einem nicht unwesentlichen Teil der Fußballsendungen allerdings ging die überfällige Innovationsfreude bislang vorbei: an den Kommentatoren. Noch immer sitzen Bela Rethy, Tom Bartels und Steffen Simon ganz allein am Mikro, wenn der Ball erst einmal rollt, und verkünden ihre Einschätzungen. Wer ihre Arbeit für einfach hält, sollte mal den Ton 90 Minuten runterdrehen und selber versuchen, das Gesehene unterhaltsam wie floskelarm zu kommentieren. Das Problem ist also nicht unbedingt die Kompetenz der Fußballflüsterer. Sondern, dass sie es immer noch allein tun müssen, so wie einst Radioreporter Zimmermann bei der WM 1954.

Dabei gäbe es eine Alternative: den Ko-Kommentator. Dessen Wirkung ist enorm: Aus der kanzelhaften Bewertung des Gesehenen wird plötzlich ein Gespräch. Sätze müssen nicht wie in Stein gemeißelt vom Kommentator formuliert werden, sie entstehen im Dialog. Der Kommentator ist nicht länger Prediger zum vorm Fernseher knienden Zuschauer. Vielmehr stünde dieser nun auf Augenhöhe neben den Kommentatoren und belauscht einfach, was sie zu sagen haben – als wenn sie in der Kneipe oder beim Public Viewing neben ihm stünden.

Wie das wirkt, kann jeder selbst überprüfen, auf Youtube. Dort sind Ausschnitte der deutschen Spiele sowohl mit deutschem Kommentar als auch mit dem der BBC zu hören. Und dort erkannten etwa Steve Wilson (der Marcel Reif der BBC) und Martin Keown (ehemals FC Arsenal) nicht nur deutlich früher als Bela Rethy, wie schnell die Tore gegen Brasilien fielen. Sie ließen sich ihr Staunen auch viel deutlicher anmerken. Vier Augen sehen nicht nur mehr als zwei, sondern zwei Münder haben auch mehr zu sagen als einer.

Es gibt viele Beispiele, dass das auch in Deutschland funktionieren kann. Sport1 praktiziert das Ko-Kommentieren inzwischen regelmäßig beim Montagsspiel der 2. Bundesliga. RTL profitiert seit Jahren bei der Formel1 davon, dass da nicht nur Heiko Wasser eine Überholung lobt, sondern dass zudem Ex-Rennfahrer Christian Danner seine Spekulationen einfängt und zugleich vieles Technische erklären kann. Und selbst die legendäre Snooker-Stimme Rolf Kalb holt sich inzwischen einen Gast ans Mikro, um so für mehr Abwechslung und Dynamik zu sorgen.

Nun gab es ja bereits Ko-Kommentatoren, etwa 1990, als Karl-Heinz Rummenigge neben Gerd Rubenbauer das WM-Finale kommentieren sollte. Der Schock über Rummenigges Anti-Eignung hat die Öffentlich-Rechtlich offenbar auf Jahrzehnte verschreckt. Nun aber sind heute selbst 19-Jährige Jungprofis kamerasouveräner als alternde Bayern-Stars in den 1990-ern. Und fast jeder bessere Dritt-Liga-Trainer und Rewe-Marktleiter kann einen Wechsel zum 4-4-2-Spielsystem nicht nur erkennen, sondern auch verständlich erklären. Höchste Zeit also, dass ARD und ZDF auch dieses Experiment wagen und die deutschen Kommentatoren endlich aus ihrer Einsamkeit befreien. Was soll schon passieren? Dass Leute von der Fußballübertragung wegschalten? Also bitte.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Heunemann auf Twitter folgen: @der_heune

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