Schwul und frei

Von Sebastian Grundke am 20. Juni 2016

Das Massaker von Orlando und die entsetzten Reaktionen darauf sollten über eines nicht hinwegtäuschen: Selten waren Homosexuelle in westlichen Großstädten so frei wie heute.

Das Attentat auf einen Schwulen-Club in Orlando hat die Gay-Community erschüttert. Das zeigen nicht zuletzt die vielen Gedenkfeiern und sorgenvollen Kommentare zum Thema. Letztere bedienen sich jedoch teilweise einer Rhetorik, die manches außer Acht lässt: nämlich dass Schwule zumindest in westlichen Großstädten so frei sind wie nie zuvor.

Natürlich ist es wichtig, dass Schwule gerade jetzt Zusammenstehen, Flagge zeigen, trauern und sich so wehren. Dabei sollte jedoch nicht in Vergessenheit geraten, dass vielerorts reine Schwulen-Clubs schon länger nicht mehr an der Tagesordnung sind. Allerdings nicht, weil sie verboten wären oder unterdrückt würden. Sondern einfach, weil viele Schwule längst auf Dating-Apps und andere soziale Netzwerke umgestiegen sind, wenn es darum geht, einander zu finden. Der Schwulenclub, der sich schlimmstenfalls in irgendeinem Hinterhof versteckt, hat deshalb schon länger ausgedient. Geblieben sind in deutschen Innenstädten meist jene Läden, die sich früh Gay-Pride auf die Fahnen geschrieben und beinahe zu Institutionen geworden sind. Das alles ist zunächst einmal positiv. Denn damit gehen auch eine zunehmende Gleichberechtigung und mehr Toleranz einher.

Das heißt außerdem nicht, dass es weniger Veranstaltungen nur für Schwule gibt: Viele Partyveranstalter wandern mit ihren Events schlicht von Location zu Location. Nicht aus Angst: Sie bewerben ihre Partys durchaus offensiv. Sondern weil sich große Schwulenclubs oft nicht rentieren und auch, weil dabei ein wenig Reminiszenz an jene Zeit mitschwingt, als sich Schwule noch viel mehr als heute und auch in großen Städten verstecken mussten. Denn so weh Unterdrückung auch tut: Sie lässt immer auch eine Community und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, Solidarität und Verbundenheit entstehen, das mit steigender Gleichberechtigung schwindet.

Was die Angst vor Anschlägen angeht, sind Schwule dieser Tage ohnehin nicht allein. Denn sie teilen diese Angst mit Kabarettisten und Satirikern, mit Flüchtlingen, Journalisten und eigentlich jedem Bürger. Genau wie alle anderen müssen sie mit dieser Angst umgehen. Dabei sollten sie weder in Hysterie verfallen, noch sich einschüchtern lassen.

Sebastian Grundke arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er schreibt jeden Montag die OC-Kolumne „Was mich bewegt“.

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