Der Tag, an dem es in Europa nur Verlierer gibt

Von Volker Warkentin am 24. Juni 2016

Nach dem Brexit wird in Europa kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Auf der Insel nicht – und auch nicht auf dem Kontinent.

Der Jubel der Brexit-Anhänger über ihren knappen Sieg von 52 zu 48 Prozent dürfte ihnen schon bald im Halse stecken bleiben.

Das britische Pfund brach am Freitagmorgen gegenüber dem Dollar ein und ereichte den tiefsten Stand seit drei Jahrzehnten. Schotten und Nordiren, die im Gegensatz zu den Engländern und Walisern in der Europäischen Union bleiben wollen, stellen das Vereinigte Königreich in Frage. Zumindest in Schottland wurden die Unabhängigkeitsbestrebungen neu entfach. Die Finanzbranche wird vermtlich aus London nach Frankfurt abwandern. Produkte „made in Britain“ werden sich aufgrund von Importzöllen verteuern. Das kostet Wachstum und Jobs. Finanzminister George Osborne kündigte bereits eine Erhöhung der Steuern und eine Senkung der ohnehin nicht üppig bemessenen Sozialleistungen an.

In den 43 Jahren ihrer Zugehörigkeit sind die Briten in der EU nie heimisch geworden. Ihnen wurde seit Margaret Thatchers legendärem Ausruf „I want  my money back“ eine Extrawurst nach der anderen gebraten: So gab es den Britenrabatt auf den EU-Beitrag, und die meisten Schritte zur Integration machten die Insulaner nicht mit. Vor allem blieben sie der Europäischen Währungsunion und dem Schengen-Abkommen fern und damit von der Flüchtlings- und der Schuldenkrise verschont.

Umso unverständlicher ist der Hass auf alles Fremde, den man im Wahlkampf aus dem Brexit-Lager hören konnte. Solche Töne haben wir aus dem Mutterland der Demokratie und der Heimat des common sense noch nicht gehört. Mit der „Sun“ an der Spitze haben die meisten britischen Boulevardblätter die Wahrheit gezielt verfälscht und sich so das Attribut  „Lügenpresse“ redlich verdient. Trauriger Höhepunkt der populistisch aufgeladenen Stimmung war der Mord an der pro-europäischen Labour-Abgeordneten Jo Cox.

Der große Verlierer ist Premier David Cameron, der auf Druck der EU-Gegner in seiner Konservativen Partei die Volksabstimmung ansetzte. Sein Rücktritt ist daher nur konsequent.

Der Triumph des Brexit-Lagers, dessen Anhänger das Königreich noch immer als Empire begreifen, ist ein Sieg der Provinz über die Metropolen, ein Sieg der Alten über die Jungen.

Und die EU? Sie gerät noch tiefer in die Krise. Marine Le Pen in Frankreich und Geert Wilders in den Niederlanden fordern schon Volksabstimmungen über den Verbleib ihrer Länder in der EU. Da geht es jetzt ans Eingemachte. Schließlich gehören beide Länder neben Italien,  Belgien, Luxemburg und Deutschland zu den Gründungsmitgliedern des vereinten Europas. Auch in Österreich, Dänemark, Schweden und Deutschland  haben die EU-Gegner starken Rückenwind.

Um das Schlimmste zu verhindern, muss sich die EU jetzt dringend und schnell reformieren. Demokratisierung, Entbürokratisierung und die Rückverlagerung von Kompetenzen in die einzelnen Mitgliedsländer sind das Gebot der Stunde. „Europa muss besser werden“, gab Parlamentspräsident Martin Schulz noch während der laufenden Volksabstimmung die Marschrichtung vor. Hoffen wir, dass seine Mahnung nicht zu spät kommt.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, arbeitete jahrzehntelang bei dem von dem Deutsch-Briten Paul Julius Reuter gegründeten Nachrichtenagentur Reuters. Dort hat er britische Gelassenheit schätzen gelernt. Um so mehr haben ihn die radikalen Töne der Brexit-Kampagne erschreckt.

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Michael Beer am 24. Juni 2016

"Europa muss wieder besser werden" Es bedurfte tatsächlich eines solch gravierenden Schrittes, damit die verrosteten Köpfe der EU Politiker mal ein bisschen nachdenken?
Ich kann mir jedoch nur schwer vorstellen, dass die EU-Betonkopf-Politiker jetzt aufwachen.....
Man verhandelt das Ausscheiden dann so, dass die wenigsten (in der Politik- und Industriellenriege) Schmerzen damit haben, bauen ein Hintertürchen für ein Wiederkommen ein und lassen den Bürger die ganzen Kosten schultern. Und sich natürlich auf selbige klopfen...
Ach, haben wir das wieder gut gemacht.

Zaunkoenigin am 24. Juni 2016

Es ist schlimm genug, dass es zu seiner Aktion kommen muss bis die bequemen Sesselpuxxer überhaupt zugeben, dass da etwas korrigiert werden muss.
Ich glaube ja nicht daran, dass sich an den Missständen etwas ändern wird. Aber glauben ist nicht wissen und überhaupt kann man ja noch hoffen. Was bleibt dem Wähler sonst noch? Oder hat er über den Stimmzettel überhaupt noch Einfluss darauf wohin das Schiff fährt? Ich habe nicht den Eindruck.