Russlands Wahrheit liegt auf dem Fußballplatz​

Von Thomas Schmoll am 24. Juni 2016

Putins Reich ist sang- und klanglos bei der Fußball-EM ausgeschieden. Das verwundert nicht. Russland ist – anders als der Westen – rückständig. Unfaire Mittel wie Doping helfen im Fußball nichts. Nur bei der Gewalt liegt das Land weit vorn.

„Unfair“ findet Wladimir Putin nicht etwa, sich mittels Dopings einen Vorteil gegenüber „sauberen“ Sportlern zu verschaffen, sondern den Ausschluss aller russischen Leichtathleten von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Gemeint ist damit: Wieder mal hat der Westen es dem armen Russland gezeigt, wo der Hammer hängt, den die russischen Werfer in Rio nun nicht schwingen dürfen. Und selbstverständlich: „Von staatlicher Seite haben wir gegen Doping im Sport gekämpft und werden das auch in Zukunft tun.“

Der russische Staat ist nicht gerade bekannt dafür, sich nicht in gesellschaftliche Belange einzumischen. Seine Repräsentanten feuern ihre Sportler gerne öffentlich an. Oder Hooligans, wenn sie Engländern und anderen Europäern in die Fresse hauen. Igor Lebedew, ein Vizepräsident der Duma, konnte nach eigener Aussage „nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden“. Diese hätten die Ehre Russlands verteidigt. „Weiter so!“ Blanke Gewalt ist in Russland ein akzeptiertes Mittel, wenn es darum geht, sich fremde Territorien einzuverleiben oder anderen – vor allem besseren – zu schaden.

Eine Entschuldigung oder Verurteilung des Dopings und der Gewaltakte? Für was? Russland macht ja sowieso, was es will und hält sich ungern an zivilisatorische Regeln. Zeigen andere Staaten mit dem Finger auf das osteuropäische Land, stellt Putin seine Heimat abermals als Opfer des bösen Westens dar. Auch in Marseille waren es „Provokateure“, die die russischen Schläger zwangen, ihre Ehre zu verteidigen.

Seit Jahren erzählt Putin der Bevölkerung die Mär von Russland als supermodernem Land, das seine wahre Größe dank des großen Wladimirs entfaltet. Dass da viel heiße Luft dahinter steckt, hat die Fußball-EM gezeigt. Die Wahrheit lag auf dem Fußballplatz. Russland ist ein rückständiges Land ohne Innovation. Es spielt den Fußball des vergangenen Jahrhunderts, taktisch auf unterstem Niveau, ohne Biss und ohne allen Spaß. Die Leistungen, vor allem bei der 0:3-Niederlage gegen Wales, waren desolat. Und wird der Kapitän ausgewechselt, will niemand die Rolle des Leaders übernehmen. Es ist ja sonst auch der Staat, der alles regelt und bestimmt, wer das Sagen (zu haben) hat. Eigenverantwortung? Bitte nicht.

EM ​2012, WM 2014, EM 2016 – drei Versuche, drei Mal nacheinander schieden die Russen in der Vorrunde aus. 2018 hat das Team die Chance, mit dem Heimvorteil mehr zu erreichen. Weltmeister wird Russland nie und nimmer. Der Rückstand zu den weltbesten Teams ist gigantisch, der Umbau zu einer modernen Fußballnation hat offenkundig noch nicht begonnen – so wie die Wirtschaft Russlands es bisher nicht geschafft hat, neue Wege zu gehen.

Da hilft auch kein Putin und kein Supertrainer. Auch Doping bringt im Fußball nicht viel. (Was keine Unterstellung sein soll, die Russen seien bei der EM gedopt gewesen.) Da nutzen nur ausgeklügelte und sehr moderne Strukturen in der Nachwuchsarbeit und der Aufbau einer starken Liga, in der sich die besten Spieler messen. Aber wer will schon gerne in Russland sein Geld verdienen, wenn er die Chance hat, in England, Spanien, Italien oder Deutschland zu kicken?

Russland hat mehr als 140 Millionen Einwohner, Island knapp über 300.000. Trotzdem schafft es der kleine Inselstaat ins Achtelfiliale – und das nicht durch Zufall oder mit irre viel Glück, sondern durch starken Fußball. Doch Island ist eben auch ein innovatives Land und investiert sein Geld nicht in die Annexion von Teilen eines anderen Staates, sondern in friedliche Dinge, die Spaß machen und für gute Laune sorgen. Russland ist das Gegenteil von Island.

Die Russen waren sportlich das schwächste Team der EM. Die Hardcore-Fanszene war extrem brutal und angriffslustig, dem Verband musste mit dem Turnierausschluss gedroht werden, um die Hooligans zu bändigen. Das ist exakt ein Abbild des realen Russlands: Im fairen Wettbewerb ist es unterlegen, in der Aggression liegt es weit vorn.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, befasst sich seit mehr als 40 Jahren sowohl mit Russland als auch mit Fußball.

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