Englands betrogene Jugend

Von Claudia Wanner am 25. Juni 2016

Der Brexit trifft vor allem die Jungen. Sie werden nicht mehr frei entscheiden können, wo in Europa sie leben und arbeiten können. Und sie könnten erleben, dass ihr Heimatland auseinander bricht.

“Vielleicht haben wir noch eine Chance auf dem Rechtsweg”, sagte eine Bekannte heute morgen, die sich selbst angesichts des britischen Abstimmungsergebnisses und ihrer pro-europäischen Einstellung als “am Boden zerstört” bezeichnete. Ihre Argumentation: Die überwiegende Mehrzahl der Briten hätte überhaupt nicht verstanden, um was es bei dieser Abstimmung tatsächlich gegangen sei.

Auch wenn eine Klage gegen das Referendum wenig wahrscheinlich ist: Ihre Schlussfolgerung trifft es auf den Punkt. Denn am 23. Juni haben die Briten nicht ernsthaft über den europäischen Gedanken und seine Zukunft im Land abgestimmt. Aktuelle Zahlen belegen, dass vor allem die Älteren, die weniger Gebildeten, die Geringverdiener, die Landbevölkerung für den Brexit gestimmt haben. Das lässt vermuten, dass sie vorrangig ihrer Angst und ihrem Ärger Luft gemacht haben: über Austeritätsprogramme und dahinsiechende Küstenstädtchen, über lange Wartezeiten beim Arzt und fehlende Schulplätze für ihre Kinder, über fehlende Arbeitsplätze und den Niedergang einstmals stolzer Industrien. Und natürlich über den immer wieder heraufbeschworenen Zustrom von Ausländern, dem im Kern an allen vorher genannten Problemen die Schuld zugeschoben wird.

Doch diese Ärgernisse werden sich mit dem Abschied aus der EU nicht aus der Welt schaffen lassen – mit Ausnahme der “Kontrolle über die Grenzen”, die das Brexit-Lager so vehement gefordert hat. Nicht gerne diskutierte Nebeneffekte: Damit könnten diejenigen – etwa die Polen – ausbleiben, die dieses Land in vielerlei Hinsicht am Laufen halten, weil sie die Kunden in den Restaurants bedienen, die Umbaumaßnahmen der hausverliebten Engländer vornehmen und die Kranken pflegen. Gleichzeitig wird damit der Zugang zum europäischen Binnenmarkt extrem schwierig..

Wirtschaftliche Argumente gegen den Brexit wurden von den Befürwortern in den vergangenen Wochen gerne als “Panikmache” abgetan. Schon heute zeigt sich, dass es an Stellen zu Auswirkungen kommen wird, die bisher selbst Experten kaum als gefährlich im Blick gehabt haben. Das gilt von Einschränkungen bei der Refinanzierung von Banken und beim Zahlungsverkehr bis zur Feststellung, dass Datenschutz zu einem komplexen Thema werden könnte, da die dazu gerade verhandelten europäischen Regeln nicht mehr auf die Briten zutreffen. Auch im Handel mit Emissionszertifikaten kam es heute überraschend zu massiven Verlusten.

Kleingeredet wurde in den Diskussionen auch die Gefahr für die Einheit der Insel. Doch in Nordirland und Schottland hat ausnahmslos jeder einzelne Abstimmungsbezirk für “Remain” gestimmt. Bereits am frühen Morgen hat die schottische “erste Ministerin” Nicola Sturgeon mit Abspaltung gedroht, indem sie eine weitere Abstimmung über die schottische Unabhängigkeit als “hochwahrscheinlich” bezeichnete. Kurz danach beklagte auch Martin McGuiness, der Stellvertreter des nordirischen First Ministers, er und die Nordiren seien “tief enttäuscht, dass uns tatsächlich englische Wähler aus Europa geschleift haben” und brachte ein Referendum der Nordiren über den Zusammenschluss mit der Irischen Republik ins Spiel.

Besonders schwerwiegend: Das Gefühl der jungen Leute, von der Generation ihrer Eltern und Großeltern bei der Wahl betrogen worden zu sein. Der Kommentar eines Millenials auf einer Plattform der „Financial Times“ wurde heute tausendfach weitergeleitet: “Die junge Generation hat das Recht verloren, in 27 anderen Ländern zu leben und zu arbeiten. Das Ausmaß der verlorenen Chancen werden wir niemals kennen, Freundschaften, Hochzeiten und Erfahrungen werden verwehrt. Die Freizügigkeit wurde uns weggenommen von unseren Eltern, Onkeln und Großeltern in einem finalen Hieb für eine Generation, die schon in den Schulden ihrer Vorfahren ertrinkt. […] Kann mir irgendjemand sagen, wann das letzte Mal war, dass eine vorherrschende Kultur von Anti-Intellektualität zu irgendetwas anderem geführt hat als Fanatismus?”

Es ist noch gar nicht lange her, dass mich Schweizer Freunde damit beeindruckt haben, wie sie sich vor einer Volksabstimmung ernsthaft auch mit scheinbar abseitigen Themen, die ihnen vorgelegt wurden, beschäftigt haben. Womöglich ist die Schweiz ein Sonderfall, denke ich heute, angesichts ihrer langen Tradition von Volksbefragungen.

Fazit bei allem Bekenntnis zur Demokratie: Manche Entscheidungen sind einfach zu komplex und weitreichend, um sie dem Volk und seinen Stimmungen zu überlassen.

Claudia Wanner lebt seit zwei Jahren in London und genießt die Internationalität der Stadt. Aufgewachsen an der deutsch-französischen Grenze fühlt sie sich als überzeugte Europäerin – und bekommt an diesem düsteren Tag für die europäische Idee die Frage nicht aus dem Kopf, ob wohl ihre Großeltern in den 1930-er Jahren das vorherrschende Gefühl hatten, dass alles schon irgendwie wieder gut werden würde.

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maSu am 25. Juni 2016

Die gleichen Zahlen belegen auch, dass die Jüngeren die geringste Wahlbeteiligung hatten.

Erst nicht wählen und dann die alten Menschen beschuldigen ... Puh.

Thomas Bach am 25. Juni 2016

"Fazit bei allem Bekenntnis zur Demokratie: Manche Entscheidungen sind einfach zu komplex und weitreichend, um sie dem Volk und seinen Stimmungen zu überlassen." - Oh oh oh. 1789 Revolution in Frankreich, 1848 Paulskirche, 1918 Scheidemann ruft die Republik aus. Und jetzt, nach Jahrhunderten Kampf um Bürgerrechte und Demokratie wollen Sie das Erkämpfte zurückgeben, da Ihnen ein Wahlergebnis nicht passt?

maSu am 25. Juni 2016

Zu grillen wenn hier selbst simple Fakten zu downvotes führen .... Merkwürdige Leute sind hier unterwegs ... Realitätsverweigerung hilft da nicht weiter.

Davon abgesehen: Thomas Bach hat Recht. Wenn das Volk angeblich zu dumm ist, um Entscheidungen zu treffen, die das Volk unmittelbar betreffen, dann ist das wie der Wunsch nach der Diktatur ... Möge doch ein kluger Mensch die dumme Masse steuern .... Oh das war der Führer ... Den will man auch nicht.

Puh ein Volk entscheidet sich (knapp) für oder gegen etwas und schon ist direkte Demokratie blöd.

"Alle Macht geht vom Volke aus". Wenn der Brexit eine dumme Idee war, dann wird das Volk das schon merken.
Das ist dann ein (schmerzhafter aber auch) wichtiger Lernprozess.

Ein Prozess, den viele Journalisten wohl noch vor sich haben .... In weiter ferne leider.

maSu am 25. Juni 2016

Grillen -> geil. ... Unterwegs vom Handy aus ....

Claudia Wanner am 25. Juni 2016

Wenn ich die Geschichte richtig im Kopf habe, gingen weder der Franzoesischen Revolution noch der Paulskirchen-Versammlung eine Volksbefragung voraus. Womoeglich nicht direkt vergleichbar ...

27 Prozent der 18- bis 24-Jaehrigen haben fuer "Leave" gestimmt, bei den ueber den 65-Jaehrigen waren es 60 Prozent. Jene, die noch gute noch 50 Jahre im neuen System leben werden, wurden von denen ueberstimmt, die die Folgen der Abstimmung noch gute zehn Jahre treffen. Das mag ein sehr demokratisches Experiment sein. Ist es fair?

"Direkte Demokratie ist bloed" - mit Verlaub: so ein Unfug! Thema hier ist vielmehr, dass es komplexe Probleme gibt, die sich nicht durch ein einfaches "Rein oder Raus" im Rahmen einer Abstimmung beantworten lassen. Das liegt auch daran, dass solche Abstimmungen angesichts der Komplexitaet des Themas bei einem grossen Teil der Befragten unter unvollstaendiger Information stattfinden. Sei es weil sie nicht ausreichend informiert wurden oder weil sie sich selbst nicht genug informiert haben. So kommt es dazu, dass die Fassungslosigkeit darueber, dass der Frankreich-Urlaub in diesem Sommer angesichts des Verfalls des Pfunds teuerer wird, seit gestern zu den grossen Themen unter der britischen Bevoelkerung gehoeren. Oder dass seit gestern morgen jeder, aber auch jeder Verband darauf hinweist, dass es in den kommenden Jahren zu komplexen Verhandlungen kommen wird, um die Beziehungen der eigenen Branche zum Kontinent zu gestalten. Und die eigene Branche angesichts ihrer Bedeutung doch bitte vorrangig behandelt werde. In der Uebergangszeit werde wohl, aehem, einige Unsicherheit herrschen.

maSu am 26. Juni 2016

Claudia Wanner:
Ich muss das fragen: wollen Sie sich sinnlos empören oder suchen Sie nach Lösungen für dieses "Problem"?

Wollen Sie sich nur empören: puh. Infantil.

Wollen Sie eine Lösung anbieten? Stimmen gewichten nach Lebenserwartung? Oder gewichten nach Lebenserfahrung?

Fakt ist: unter den Jüngeren war die Wahlbeteiligung signifikant schlechter als bei den Älteren. Also wieso schiebt man das Wahlergebnis nun den Alten in die Schuhe?

Warum fragen Sie nicht, was mit den Jüngeren nicht stimmt, dass die eine so wichtige Entscheidung anderen überlassen?

Warum dieses Alten-Bashing?

Weil die " Alten [Säcke]" ein willkommener Sündenbock sind. Deswegen. Sie suchen keine Lösung. Sie suchen Sündenböcke.

Anders ausgedrückt: Sie empören sich kräftig. Und für so einen Mist bekommt man hier noch likes .... Puh. Merkwürdige Leser sind hier unterwegs.

maSu am 26. Juni 2016

Ach und zur Komplexität:
Glauben Sie etwa unsere Bundestagsabgeordneten wären klüger, besonnener usw? Nein. Die stimmen auch völlig schmerzfrei für zB "Stoppschilder" von Zensursula. Oder glauben, eine Rente mit 63 wäre wirklich eine Rente mit 63.

Politiker stimmen auch idR so, wie die Bevölkerung das wünscht. D.h. macht die Bild plötzlich Stimmung gegen Ausländer, dann bezahlt man Erdogan dafür, Flüchtlinge in Lager zu sperren.

Kippt die Stimmung in der Bevölkerung wegen selten dämlicher Medienberichten, dann kommt der Ausstieg vom Ausstieg (Atomkraft) obwohl viele Voraussetzungen dafür nicht existieren (ausreichend Stromleitungen Nord->Süd).

Und Ttip wird abgeschlossen, ohne das Politiker überhaupt im Detail wissen, was sie da überhaupt "toll zu finden haben".

Warum ist das Volk doch gleich zu blöd? Oder zu alt ?

maSu am 26. Juni 2016

Zu den "bösen Alten" ganz kurz, hier ist sogar die "Welt" journalistisch kompetenter .... Puh ....

http://m.welt.de/politik/ausland/article156576085/Unfassbar-niedrige-Wahlbeteiligung-junger-Briten.html

Zaunkönigin am 28. Juni 2016

Mh, aha. Mit anderen Worten, die Alten, die haben kein Recht darauf ihre Interessen vertreten zu sehen? Denen kann man Rente und Lebensstandard senken.

Mit welchem Recht setzen Sie, Claudia Wanner, die Interessen der Jungen über die der Alten? Besonders vor dem Hintergrund, dass die Jungen offensichtlich im Durchschnitt desinteressiert waren.

Claudia Wanner am 29. Juni 2016

Geschaetzte Leser,

hier geht es mitnichten nicht um die Frage, ob es sinnvoll ist aelteren Mitbuegern das Wahlrecht abzusprechen. Auch nicht darum, ob Instrumente der Demokratie bei Nichtgefallen ignoriert werden sollten. Oder ob gewaehlte Volksvertreter gelegentlich ueber Fragen abstimmen, die sie nicht zu Ende gedacht haben.

Es geht darum, dass das legitime Instrument der Volksbefragung die Gefahr birgt, dass die Befragten - moeglicherweise mangels ausreichender Vorbereitung? - nicht ueber den eigentlichen Inhalt der Befragung abstimmen, sondern ihrem grundsaetzlichen Aerger ueber das System/ihre wirtschaftliche Lage/gewaehlte Politiker Luft machen. Dieses Verhalten birgt die Gefahr ungewollter Nebenwirkungen. Was wiederum als Warnung verstanden werden koennte fuer kuenftige Projekte in aehnlicher Form.

Zaunkönigin am 29. Juni 2016

Und Sie, Frau Wanner, wissen oder erkennen mit einem Blick, ob und wie sich ein Wähler vorbereitet hat? Woran machen Sie das fest? An Ihrem Kenntnisstand? Sie haben also den Überblick über die Sachlage den unsere Politiker selbst vermissen lassen?

Nichts für ungut. Aber wir bewegen uns alle in einem großen Experiment.

Abgesehen davon halte ich es für legitim, dass sich alte oder ältere Menschen gerne das erhalten wollen was sie sich ihr Leben lang hart erarbeitet haben. Rentensicherheit im Alter ist dann mehr Wert als unkontrollierte Reisefreiheit.

maSu am 29. Juni 2016

Frau Wanner,

Politiker entscheiden auch nicht auf Grundlage von Fakten, sondern auf Grundlage eines (illegalen, aber vorhandenem und gut gelebten) Fraktionszwangs. Politiker lassen sich zudem ebenso von Medien vor sich her scheuchen, wie Wähler selbst.

Politiker sind weder klüger noch besonnener oder kompetenter als ihre Wähler. Heiko Maas und Schwesig demonstrieren dass beim "Nein-Heißt-Nein"-Bullshitbingo wöchentlich. Schwesig demonstriert es sogar täglich, wenn sie wieder mal (bei Facebook und sonst so) statischen Schwachsinn verlautbaren lässt.

Ich sehe da bei Politikern sogar noch größere Gefahren, weil Menschen glauben, dass was Politiker so machen, wäre schon in Ordnung. Es findet sich selten Widerstand.

Btw:
Schön, dass Sie nun klar gesagt haben, dass Sie sich nur mal kräftig empören wollten. Schreiben Sie das doch in die überschrift: "Sinnlose Empörung heute: xxxx", dann kann man gleich aufhören zu lesen.

Claudia Wanner am 29. Juni 2016

Wissen - das ist ein grosses Wort, Zaunkoenigin, um so mehr in diesen Tagen der Vorbehalte gegen Eliten, Experten, die Medien. Natuerlich weiss ich nicht, vermutlich ebenso wenig wie die anderen, die dieses "Experiment" beobachten. Ich lebe hier, ich spreche mit Menschen, ich lese, ich sammle Eindruecke. Und bilde mir eine Meinung.

Wissen kann ich ebenfalls nicht, ob die Europaeische Union bei all ihren Fehlern die ueberragende Bedeutung fuer die Stiftung von Frieden in Europa hat, die ich persoenlich ihr zuschreibe. Andere moegen sie nur um der Reisefreiheit willen schaetzen, oder - wie wir am Donnerstag gesehen haben - nicht einmal deswegen. So ist es selbstverstaendlich legitim, bei einer Abstimmung persoenliche Ziele ueber andere zu stellen. Aber genau so legitim ist es, dieses Verhalten als kleingeistig zu empfinden.

Zaunkönigin am 29. Juni 2016

Sie verblüffen mich, Frau Wanner. Weshalb nennen Sie die Entscheidung der "Alten" kleingeistig, während die Wahl der Jungen "was dann wäre"?

Ja glauben Sie ernsthaft, die Jungen hätten aus lauter Idealismus pro EU gewählt?

Zaunkönigin am 29. Juni 2016

kein Wunder, dass die "Alten" bezüglich der EU zurückhaltender sind.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/jean-claude-juncker-will-ceta-an-nationalen-parlamenten-vorbeischleusen-a-1100444.html

Aber nein, das ist ja gar nicht bedenklich.

Claudia Wanner am 30. Juni 2016

Ja, ja, und die optimale Kruemmung der Bananen festlegen zu wollen, war auch keine gute Idee. Doch als perfekt und fehlerlos haben sich bisher leider wenige politische Systeme herausgestellt.

Zaunkönigin am 30. Juni 2016

Frau Wanner, das war nun keine Antwort zum Thema, sie sagt mir aber wiederum genug um für mich festzustellen, dass genug der Worte gewechselt sind.