Warum Volksabstimmungen nur begrenzt demokratisch sind

Von Falk Heunemann am 30. Juni 2016

Das Votum der Briten über den EU-Austritt ihres Landes sollte all jenen zu denken geben, die die direkte Demokratie für ein Allheilmittel halten.

Noch haben viele Bürger Europas nicht so recht den Schock über die britische Volksabstimmung zum EU-Austritt verdaut, das Pfund hat sich nur langsam vom Absturz erholt, Konzerne kündigen ihren Wegzug aus England an, zehntausende Angestellte bangen um ihre Jobs, Schottland bereitet seine Abspaltung vor – da hat die Lobbyorganisation “Mehr Demokratie” eine Idee: mehr davon. “Aus direktdemokratischer Sicht ist vor allem ein Referendum über das Austrittsabkommen angesagt, denn das ist eigentlich der wichtigste Teil in dem ganzen Austrittsprozess”, fordern die Plebiszitpropagandisten diese Woche. Und nicht nur in Großbritannien soll mehr abgestimmt werden, natürlich nicht: “Wir wollen über wichtige Fragen wie EU-Integration oder Freihandelsverträge wie CETA und TTIP selbst abstimmen.“

Das naiv zu nennen, ist untertrieben. Denn genauso, wie EU-Kritiker die Europäische Union zu Recht auffordern, über ihr Selbstverständnis nachzudenken, so sollten auch Befürworter der Direkten Demokratie das britische Plebiszit zum Anlass nehmen, ihre Position zu hinterfragen.

Zwei Hoffnungen verbinden die Befürworter mit Volksvoten: Erstens, Entscheidungen werden “demokratischer”. Das heißt für sie direkt legitimiert durch die Bürger und damit akzeptierter, das politische System würde gestärkt. Zweitens, Gesetze und Beschlüsse würden von denen getroffen, die sie betreffen, und damit in ihrem Sinne getroffen, denn die Bürger wüssten ja am besten, was für sie gut ist.

Beide Versprechen wurden durch das Brexit-Votum widerlegt.

Ja oder Nein – das ist nicht demokratisch
Das fängt schon beim Missverständnis von Demokratie an. Demnach sind Sachentscheidungen nur dann wirklich demokratisch, wenn sie in Ja/Nein-Voten vom Bürger direkt beschlossen werden. Dass ist aber eine zu enge und einseitige Vorstellung des Konzeptes. Das Wesen von Demokratie ist ja nicht nur, dass Beschlüsse nicht machtherrlich von einem König vertreten werden. Es besagt, dass Interessengruppen in den Prozess einbezogen, gehört und möglichst auch berücksichtigt werden. Werden sie (oder fühlen sie sich) dagegen ausgeschlossen, droht eine Rebellion, die das gesellschaftliche Gefüge bedroht.

Das Ziel einer optimalen Demokratie ist daher nicht das Entweder/Oder, sondern der Kompromiss. Nur in einem Kompromiss können mehrere Positionen berücksichtigt und miteinander abgewogen werden. Das allerdings erfordert Verhandlungen, die wiederum nur in einem parlamentarischen System möglich sind, wo kundige Volksvertreter und Berufspolitiker sich regelmäßig zu Beratungen, Anhörungen und Detailabstimmungen treffen können.

Ein Plebiszit ist das Gegenteil. Es ermöglicht keine Verhandlungen, kein Ausloten nach Kompromissen. Es sieht dafür schlicht keinen Raum vor, sondern reduziert komplexe Probleme auf eine binäre Antwort. Und es zwingt zu Frontstellungen in die Ja-Sager und die Nein-Sager. Die Volksabstimmung führt nicht dazu, dass das Ergebnis bei den Unterlegenen einfach akzeptiert wird, das zeigt doch gerade das Brexit-Votum überdeutlich. Durch die britische Gesellschaft zieht sich seit den Brexit-Wahlkampf ein tiefer Riss, sowohl geografisch als auch zwischen den Generationen und Bildungsschichten. Der Plebiszit hat Großbritannien zerrissen, nicht vereint.

Wähler bevorzugen Emotionen statt Fakten
Die zweite Hoffnung der Volksabstimmungsbefürworter – die kompetente Entscheidung durch die direkt Betroffenen – ist ebenfalls nicht erfüllt worden. Komplexe politische und ökonomische Entscheidungen, wie der Brexit, würden es erfordern, sich tief in die Materie einzuarbeiten, Zahlen und Studien zu lesen, Szenarien durchzuspielen und abzuwägen. Dafür haben viele normale Wähler keine Zeit und oft auch keine Lust. Und wenn faktische Dinge zu komplex werden, dann reagieren die meisten aber nicht etwa damit, sich näher damit zu beschäftigen. Im Gegenteil: Sie fühlen sich überfordert von den vielen Zahlen und Behauptungen und ziehen sich auf das Emotionale zurück: Angst und Wut toppen dann jede Wirklichkeit. Deswegen war es der Mehrheit der Briten egal, ob die Lügen des Brexit-Lagers stimmten oder nicht – sie fühlten sich ja für sie richtig an. “Truthiness” hat der große Politphilosoph Stephen Colbert dieses Verhalten einst genannt, das Handeln aus dem Bauch heraus, ohne vernünftigen Grund.

Was dabei heraus kommt, hat die vergangene Woche gezeigt: Der massive Absturz des Pfundkurses und der Aktienkurse trifft weniger Spekulanten, sondern vor allem Pensionäre, Hausbesitzer, Angestellte mit betrieblicher Altersvorsorge, Rentner. Kommunen stellen plötzlich fest, dass sie künftig auf Millionen an EU-Förderung verzichten müssen, multinationale Familien müssen sich Sorgen um ihren Aufenthaltsstatus machen. Ganz zu schweigen, dass europäische Produkte und der Urlaub für alle Briten nun deutlich teurer werden. Nun ist der Schaden groß und der Frust ebenso.

Beheben lässt sich das allerdings nicht so leicht. Parlamentsmehrheiten können aus Fehlern lernen, sich neu gruppieren und neu abstimmen. Bei Plebisziten geht das nicht so einfach. Sie tun so, als gäbe es eine richtige und eine falsche Antwort, für lange Zeit. Selbst wenn sich die Umstände ändern – die Befürchtungen bewahrheiten sich, die Lügen fliegen auf, die Versprechen der Brexitianer werden zurückgenommen -, kann man das Votum nicht einfach erneut durchführen. Schließlich hat ja das Volk gesprochen, die höchste Instanz.

Volksabstimmungen sind damit erkenntnis-intolerant. Das aber ist gefährlich in einer immer komplexer werdenden und sich immer schneller wandelnden Welt. Dafür braucht es Berufspolitiker mit ihrem großen Apparat an Fachkräften , die sich monatelang, ja jahrelang in Themen einarbeiten können, weil sie vom Steuerzahler dafür bezahlt werden. Und die eher erkennen, was konkret ein Brexit bedeuten würde. Oder ein CETA-Abkommen. Oder TTIP.

Das heißt nicht, dass das Volk keine Mitsprache erhalten soll. Es bekommt sie ja, durch Wahl oder Abwahl der Verantwortlichen. Und auch Sachfragen kann man im Einzelfall durchaus zur Volksabstimmung stellen, insbesondere auf kommunaler Ebene, wo sie leichter zu überblicken sind. Aber es ist höchste Zeit für eine Debatte darüber, wann Plebiszite tatsächlich sinnvoll sind und welche Nachteile sie bringen.

Ein Allheilmittel aber, wie von ihren Befürwortern weiterhin stur behauptet wird, sind sie keinesfalls. Das hat Brexit bewiesen.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Heunemann auf Twitter folgen: @der_heune

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maSu am 1. Juli 2016

"Beide Versprechen wurden durch das Brexit-Votum widerlegt."

Falsch. Beim Brexit heulen nun einige wenige (gemessen an allen Wählern) überproportional laut herum. Dann gehen eben in Sektor X Y Arbeitsplätze verloren. Es wird bei jeder Entscheidung Gewinner und Verlierer geben. Vielleicht müssen die Briten auch auf die "Harte Tour" lernen, dass die EU ein Gewinn für England ist. Falls die EU das ist. Die EU muss nun auch schauen, ob sie sich wirklich "lohnt" oder eher schadet. England kann da exemplarisch vorangehen. Keiner weiß, wie es weitergeht. Vielleicht läuft es in 5 Jahren blendend für England? Und dann? Dann sollte man realisieren, dass die EU grundlegend geändert werden muss. Vielleicht geht es auch steil bergab mit den Briten. Dann wüsste man immerhin: So falsch ist es eben nicht in der EU zu sein.
Das Problem beim Brexit ist auch der knappe Ausgang. Wenn fast die Hälfte der Menschen überstimmt werden, dann führt das nicht zur Zufriedenheit. Würde man für TTIP eine Volksabstimmung machen, dann wäre mMn eine 2/3 Mehrheit notwendig, um eben eine knappe Spaltung zu vermeiden.

Auch muss der Kompromiss vorher ausgehandelt werden. Die repräsentative Demokratie ist durchaus sinnvoll, da die Politiker dann die Kompromisse aushandeln, die Bevölkerung dann aber mit solchen Wahlen diese Kompromisse (die durchaus faul sein können) ablehnen kann.

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"Wähler bevorzugen Emotionen statt Fakten"

Und Politiker bevorzugen Fraktionszwang statt Fakten.
Und nun?
Politker werden bald über TTIP und CETA abstimmen. Als ob da jeder jedes Detail kennen würde. Die Fraktion gibt die Richtung vor. Wobei CETA ja an den Parlamenten vorbeientschieden werden soll. Also ganz frei von Wahlen. Immerhin: Ohne Wahl ist irrelevant ob mit Emotion und/oder Fakten. Angesichts der merkwürdigen "Blüten" die unsere "Demokratie" gerade in Deutschland, aber auch der ganzen EU entwickelt, stellt sich da wirklich die Frage, ob wir die Demokratie nicht gerade indirekt abschaffen - ersetzt durch Geheimverträge im Hinterzimmer.

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Wir sollten weniger an den beiden Extrempunkten

1) alles per Volksabstimmung
2) alles in Hinterzimmern per Geheimvertrag

leben sondern eine gesunde Demokratie entwickeln, bei der eine Volksabstimmung bei Fragen großer Wichtigkeit, vernünftig verbereitet werden. Die Politiker müssen einen Konsens finden, der eine breite Mehrheit findet ... oder man muss im Zweifel mit einer Wahl beim Volk "nachfragen".

Aktuell sucht man weder einen Konsens, noch ist man bereit eine bekloppte Politik mal zur Wahl zu stellen und wenn doch, dann wundert man sich, dass unzufriedene und wütende Bürger "doofe Sachen wählen". Krasses Beispiel dafür ist die AfD: Bei einer Volksabstimmung zu Flüchtlingsthemen würde sich offenbaren, dass nicht nur 15% der Wähler, die sonst auch AfD wählen "so" denken, sondern vermutlich 50%. Ich bin zwar unzufrieden, weigere mich aber deswegen "Protest" zu wählen, in einer Art, die ich für schädlich halte. Was bringt es mir CDU/CSU/SPD/GRÜNE/LINKE abzustrafen, indem ich jemanden wähle, der wahrscheinlich noch bekloppter ist? So denken viele. Darum wählen NUR 15% die AfD. Bei einer konkreten Volksabstimmung würde dann aber der ganze Frust entladen. Auf einen Schlag.

Die Frage also: Warum entsteht dieser Frust? Warum nehmen die Parteien den Frust nicht wahr? Warum ändern sie nicht ihren Kurs (ohne menschenrechtswidrige Aktionen mit Hilfe der Türkei!)?

Ich habe das Gefühl, ich wähle alle 4 Jahre die gleichen Geisterfahrer, die dann 4 Jahre lang Mist bauen ... egal bei welcher Partei.

So wie sich in den Parlamenten über Fraktionszwang Fronten gebildet werden, Vorschläge der Linken, die auch mal gut sein können, abgelehnt werden, weil es die "falsche Partei" ist, so bilden sich in der Bevölkerung auch Fronten.

Zaunkoenigin am 4. Juli 2016

Über diesen Artikel komme ich einfach nicht hinweg. Er macht mich (ich sage es selten .. fassungslos).

Da wird den Schweizern abgesprochen "Demokratie zu leben".
Da wird dem Wähler Unmündigkeit unterstellt (aber Parteien darf er wählen.. der unmündige (pardon. blöde) Bürger.)
Der Absturz des Pfundkurses wird mit der Volksabstimmung verknüpft. Dass da auch noch ganz andere Mechanismen im Hintergrund ablaufen wird dezent ignoriert.
Da wird ausgeblendet dass Berufspolitiker auch ihre Schwachpunkte haben und mitnichten kompetenter sind. Wir hatten da ein paar Glanzleistungen (ich sage nur : Abstimmung zum Meldegesetz). Geschweige denn, dass sie sich "sich tief in die Materie einzuarbeiten, Zahlen und Studien zu lesen, Szenarien durchzuspielen und abzuwägen". Da sage ich nur TTIP.

Meine Güte, auf welchem Stern leben denn Sie? Ihre Argumentationskette kann doch nicht ihr Ernst gewesen sein.

Falk Heunemann am 4. Juli 2016

Hallo @Zaunkönigin.
Kleine Korrektur: Unmündigkeit habe ich Wählern nie unterstellt. Eins meiner wichtigen Argumente ist aber, dass Volksabstimmungsergebnisse nicht kompromissfähig sind (Weil JA/Nein-Abstimmngen), dies aber das Wesen einer Demokratie sein muss, um Ausgleich zwischen Interessengruppen herstellen zu können. Ansonsten spalten diese Abstimmungen, statt zu legitimieren. Gerade das zeigt sich doch jetzt in Großbritannien, finden Sie nicht?

Über die oft zitierte Meldegesetz-Abstimmung im Bundestag sind viele Mythen im Umlauf, erst recht über TTIP. Wie viele Menschen, die eine Meinung zu TTIP haben, haben auch Dokumente dazu gelesen? Was meinen Sie? Sie haben Recht, Politiker müssten das mehr tun. Aber Sie können nicht auf der einen Seite anprangern, dass Politiker das zu wenig tun und dann andererseits kein Problem damit haben, dass Millionen Menschen über komplexe Sachverhalte abstimmen sollen, die sich kaum eingelesen haben, sondern vor allem nach Gefühl und Vorurteilen - wider die Fakten - abstimmen (wie das Brexit-Votum gezeigt hat).

Welche Prozesse im Hintergrund des Pfund-Absturzes meinen Sie? Was ist mit den Überlegungen vieler Konzerne, Großbritannien zu verlassen, weil sie fürchten müssen, nicht mehr vom EU-Binnenmarkt zu profitieren? Haben die auch nichts mit dem Brexit-Votum zu tun?

Zaunkoenigin am 4. Juli 2016

Herr Heunemann,
was sagt denn Ihre Aussage *Wähler bevorzugen Emotionen statt Fakten* anderes aus, als dass der Wähler unmündig reagiert? Wer nur auf Gefühle setzt ist aus dem Kindheitsstadium (= unmündig) nicht heraus gekommen.

In GB spaltet sich derzeit nicht weil abgestimmt wurde, sondern weil eben gerade nicht demokratisch gedacht wird. Besonders von den jungen Leuten nicht. Ich z.b. finde es undemokratisch, wenn jemand, der gar nicht wählen ging, auf einmal anfängt zu lamentieren. (sie sehen, so kann man es auch betrachten)

Über die Abstimmung kursieren ebenso wenig Gerüchte wie über TTIP. Fakt ist, dass unsere Abgeordneten nicht alles lesen dürfen und das was sie lesen dürfen, findet in engstem Rahmen statt (als ob sich ein Mensch so etwas komplexes alles merken könnte). Ich behaupte, unter diesen Bedingungen kann sich ein Abgeordneter keine fundierte Meinung bilden. Abstimmen soll er aber. Das nennen Sie dann mündig und kompetent? Die sollen uns also vertreten? Mh ja.
Und wie die Abstimmung zum Meldegesetz ablief konnte man sich damals sogar als Film anschauen. Da brauchte es keine Worte.

Prozesse im Hintergrund des Pfund-Absturzes .. Sie beschreiben sie doch gerade selbst .. "Was ist mit den Überlegungen vieler Konzerne, Großbritannien zu verlassen, weil sie fürchten müssen, nicht mehr vom EU-Binnenmarkt zu profitieren?"
Der Pfundabsturz ist doch nichts zwangsläufiges - er ist noch nicht einmal folgerichtig. Die Konzerne sorgen dafür um Druck zu erzeugen weil ja letztendlich noch nichts final beschlossen ist. Es geht darum doch noch Pfünde zu sichern. Denn die größten Nutznießer sind die Firmen - nicht der Bürger.

Und der verschreckte Bürger reagiert darauf anstatt einmal inne zu halten und sich Fragen zu stellen wie ..

- wie sieht die tatsächliche Bilanz für Deutschland aus? Einnahmen und Ausgaben, Finanzsituation für den Bürger, Rentenlage, Sozialkassen..

Und das bitte in der Summe betrachtet.

Einflüsse sind aber auch: http://www.handelsblatt.com/politik/international/brexit-referendum/brexit-news/koepfe-kapital-konzerne-nach-brexit-grossbritannien-wird-zur-resterampe/13826724.html

Mir hat noch niemand nachvollziehbar erklären können, warum man mit GB nach einem Austritt nicht mehr in dieser oder ähnlicher Form handeln können wird (wenn man es denn möchte).

TGR am 6. Juli 2016

Gerade die Abstimmung zum Brexit hat wieder einmal deutlich gemacht, dass Wunsch und Wirklichkeit bei der Thematik "direkte Demokratie" weit auseinander klaffen. Natürlich ist das Idealbild der aufgeklärte, mündige Bürger, der zumindest die Grundzüge seiner Entscheidung Pro oder Contra überblicken kann und nach Interessen und Perspektive konstruktiv ein Votum abgibt. In der Realität entscheiden Menschen aber häufig "aus dem Bauch heraus", weil etwa dieses oder jenes Gesicht im Fernsehen diese oder jenes gesagt hat, und man dieses Gesicht eben besonders charismatisch/überzeugend/gutaussehend/ect. findet. Oder weil man der Überzeugung ist, man könnte irgendjemand irgendetwas heimzahlen oder einen Denkzettel verpassen. Gerade diese überbordende Emotionalität, dieser Sieg des "fast thinking" über das "slow thinking" halte ich für kontraproduktiv. Ich war früher glühender Verfechter von Volksabstimmungen, bin aber inzwischen (auch schon vor dem Brexit) kritisch geworden.

Eine Überlegung: es wurde in den letzten Tagen (z.T. sarkastisch, z.T. durchaus ernst gemeint) häufig darüber diskutiert, Stimmrechte an Alter, Bildungsstand, etc. zu knüpfen (wie in den - Achtung, Sarkasmus - guten alten Zeiten eben). Vielleicht könnte man vor entsprechenden Abstimmungen einen kurzen Test einführen, in dem sowohl die drei prägnantesten Argumente der Pro- als auch der Contra-Seite abgefragt werden (die von den jeweiligen Lagern vorher vorbereitet und akkreditiert wurden). Das Ganze als MC-Test, danach wird (am besten mittels Wahlhelfer) ausgewertet, und erst danach erhält der Wähler seinen Stimmzettel. Es gibt keine notwendige Anzahl an richtigen Antworten (um keine Expertokratie zu fördern), aber die entsprechenden Positionen werden dem Wähler kurzfristig noch einmal vor Augen geführt (und im besten Fall auch behalten, sodass sie hinterher mit den tatsächlichen Entwicklungen abgeglichen werden können). Augenscheinlichster Nachteil: ein solches System ist zu aufwändig und personalintensiv, um in der Realität wirkungsvoll durchgeführt werden zu können.

Zaunkoenigin am 6. Juli 2016

ich finde es schon höchst undemokratisch den Wählern vorschreiben zu wollen anhand welchen Kriteriums sie wählen sollen.

Abgesehen davon, dass man bei einigen unserer Politiker noch nicht einmal weiß welche Kriterien bei der Abstimmung mit wirken (dürfen). Ich weise noch einmal auf die Abstimmung zum Meldegesetz hin - ebenso auf TTIP

Und ich weiß nun wirklich nicht, was einen Lehrer mit Lehramt für Soziologie, Politik und Germanistik dafür auszeichnet Minister Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zu werden. Oder jemand der Literaturwissenschaftl mit den Fächern neue und ältere Germanistik, sowie Politikwissenschaften 10 Jahre lang studiert und keinerlei berufliche Erfahrung hat. dafür auszeichnet Arbeitsminister zu werden.
Ich denke, wir hätten noch mehr als diese 2 Beispiele.

Und somit bewegt sich der Wähler in einem schönen Reigen mit höchst qualifizierten Politikern. *ironieoff* denen man seltsamer Weise nur selten und wenn dann leise die Qualifikation abspricht so weitreichende Entscheidungen/Wahlen zu treffen.

TGR am 6. Juli 2016

@zaunkoenigin
Ich möchte dem Wähler nicht absprechen, nach welchen Kriterien er Entscheidungen trifft. Aber ich bin dafür, dass Wähler sich auch über Tragweite ihrer Entscheidung informieren oder informiert werden und damit auch in die Pflicht genommen werden, mit den Konsequenzen leben. Das aktuelle Bashing von Johnson und Farage durch die britische Bevölkerung empfinde ich zumindest als Heuchelei.

Eine Analogie: in der Medizin wird in den letzten Jahren verstärkt auf das "informed consent" bzw. "shared decision-making" gesetzt. D.h. das nicht wie früher der Arzt paternalistisch die Therapie diktiert, ohne Konsequenzen, Limitationen und Risiken zu erläutern, sondern in (z.T. sehr langen) Gesprächen zwischen Arzt und Patient der gesamte Umfang erarbeitet wird. Das Ganze ist nicht nur Selbstzweck oder unnötige Administration, sondern es gibt etliche Studien, die zeigen, dass sich auf diese Weise vor allem die "life Quality" gerade bei Patienten mit schweren Therapie (z.B. Chemotherapien) erhöht, weil sich der Patient nicht nur als Objekt wahrgenommen fühlt, sondern als (in gewissen Grenzen) handelndes Subjekt. Warum ein ähnliches System nicht auch für Wähler (naja, Zeitaufwand und organisatorischer Aufwand).

Zur Eignung von Politikern/Ministern: meines Wissens gibt es keine Fachausbildung Minister, und es würde mich überraschen, wenn es aufgrund der Diversität der Felder je eine gäbe. Fragt man 10 Personen, welche Ausbildung und Eigenschaften sie sich von einem Minister erwarten, kommen 10 unterschiedliche Antworten heraus - das Ganze läuft auf die eierlegende Wollmilchsau hinaus. M.M. nach muss ein Minister ein hohes Organisationstalent, klare Denkstrukturen und eine hohe Vermittlungskompetenz aufweisen, sowie die Fähigkeit, sich schnell und sicher in eine komplexe Materie so einzuarbeiten, dass er/sie die richtigen Fragen stellen kann. Ich sehe nicht, warum geisteswissenschaftliche Fächer nicht darauf vorbereiten sollen.

Zaunkönigin am 6. Juli 2016

TGR, diese Aussage " Ich war früher glühender Verfechter von Volksabstimmungen, bin aber inzwischen (auch schon vor dem Brexit) kritisch geworden." zusammen mit "Gerade diese überbordende Emotionalität, dieser Sieg des „fast thinking“ über das „slow thinking“ halte ich für kontraproduktiv" geht schon in diese Richtung. Und Ihr "Test" würde nur da funktionieren, wo den Parteien auch belegen können welche Auswirkungen welche Entscheidung haben wird. Das konnte und kann man immer noch nicht beim Brexit. Vermutungen, Wahrscheinlichkeiten .. das war es was man äußern konnte.

Mediziner.. nun denn, Sie scheinen andere Ärzte zu haben als ich. Ich kenne es fast nur noch so, dass man schon fast durch die Praxis gescheucht wird und allenfalls zig "Zettel" durchlesen darf. Ein wenig läuft das auch so in der Politik.. es ist eben auch das das Thema "Aufwand contra Gewinn".
Aufklärung von Politikerseite? Können Sie sich an so etwas erinnern? Wer sich wirklich informieren möchte, muss sich, schon etwas Mühe machen, sich, um unterschiedliche Standpunkte erfassen und überdenken zu können, durch verschiedene Medien durchackern. Ja, einfach ist das nicht. Und - ich behaupte, das war auch noch nie anders.

Ein wenig ärgere ich mich darüber, dass es Menschen gibt die anderen vorschreiben möchten ob sie sachlich oder emotional entscheiden wollen. Aber, wenn man schon so weit ginge, dann müsste aber auch die Wahlpflicht eingeführt werden und Wahlverweigerer (wie es ja unter den jungen Leuten in GB genügend gab - Die Gründe zu erfahren wären dazu wichtiger als auf die alten Wähler zu schimpfen) zur Wahlurne gezwungen werden.

Oder finden Sie einen emotionalen Wähler schädlicher als einen Wahlverweigerer?

TGR am 6. Juli 2016

@Zaunkönigin
Wie gesagt - ich werde keinem Wähler seine Entscheidungskompetenz absprechen. Trotzdem besorgt es mich, dass Menschen, die den Kauf eines Toasters genauestens abwägen, Amazon Rezensionen durchackern, Produktvergleiche studieren, sich im Fachgeschäft beraten lassen usw., plötzlich am Wahltag irgendwo ein Kreuzchen setzen, und zwar nicht, weil sie es nach Abwägung von Für und Wider für die eigenen Interessen für die passendere Wahl halten, sondern weil sie ein Sediment aus Vorurteilen, Meinungen und Informationsresistenz gebildet hat. Der "Test" soll übrigens keine Auswirkungen abfragen, sondern die jeweiligen Positionen kurz abbilden (Also: Vote Leave, weil (A) 325 Mio Pfund pro Tag mehr für das NHS, (B) keine Vorschriften mehr aus Brüssel, (C) Kontrolle über eigene Grenzen wider; Vote Remain, weil (A) Zugang und Einflussnahme im europäischen Binnenmarkt, (B) starkes GB in Europa, (C) Austrittsbestrebungen in Schottland - das Ganze in einen MC-Test gegossen, damit der Wähler darüber nachdenken muss, fertig). Hat auch den Vorteil, dass ggf. die Positionen zumindest in Teilen auch nach der Wahl hängen bleiben. Das es übrigens kein Automatismus ist, dass nach Emotion gewählt wird, sieht man m.E. an den vielen Volksentscheiden der Schweiz, in denen konstruktive Vorschläge begünstigt werden, oder am Referendum in Schottland, in dem sich die Schotten - trotz herzlicher Abneigung gegen die Engländer - für einen Verbleib im UK ausgesprochen haben, und zwar primär aufgrund der unwägbaren wirtschaftlichen Entwicklungen, die ein Austritt nach sich gezogen hätte.

Zur Analogie Medizin etc.: die "Zettel" entsprechen dem "informed consent". Ich weiß, viele Kliniken und Praxen halten es leider aus Zeitgründen so, dass der Mediziner wenig mit dem Patienten durchspricht, sondern die Informationsvermittlung per Zettel (i.d.R. zu unterschreiben) überläßt und allenfalls noch ein Gesprächsprotokoll anfertigt. Das ist aber ein strukturelles Problem, dessen Lösung den Praxen überlassen bleibt. In größeren Kliniken (zumindestens die, die ich kenne) wird mit mehr oder weniger Elan an immer neueren, besseren Lösungen gearbeitet. Es ist auch im Sinne des Patienten.

Zaunkoenigin am 7. Juli 2016

TGR, ich mach's kurz ..

glauben Sie mir, in der Schweiz genau so emotional gewählt wie an anderen Orten auch. Der Vorteil dort ist, dass im Vorfeld breiter diskutiert wird und ich habe den Eindruck, dass die Information von Presse und Politik auch eine andere ist.

Nebenbei bemerkt ... bei mir gibt am Ende immer auch die Emotion den Ausschlag wenn die Sachebene 50:50 steht, oder wenn nur Vermutungen im Raum stehen (wie das z.B. bei GB der Fall war weil es ein Novum war). Auf beruflicher Ebene hat sich das bisher immer als richtig heraus gestellt. Früher, als ich noch jung und Anhänger der reinen Faktenlage war, habe ich so manch unschöne Überraschung erlebt. Soviel zur Emotion.

Den Schwenk zu den Ärzten gehe ich nicht mehr weiter mit weil wir hier sonst den Rahmen sprengen würden, nicht weil mich das Thema langweilt.

TGR am 17. Juli 2016

@zaunkoenigin:
Na gut - ich habe eher das Herangehen, dass ich versuche, emotionslos an Entscheidungen, die ich der öffentlichen Sphäre zurechne (an eine 50:50-Situation kann ich mich übrigens in meinem Fall nicht erinnern), heranzugehen. Meine Emotionen spare ich mir für meine Familie auf...

Off Topic: ich würde es mir wahrscheinlich einfach mit der Thematik Wahlentscheidungen und Emotion machen, wenn die vorherrschende Emotion nicht in den überwiegenden Fällen Wut wäre. Und wenn den Menschen nicht aus vielen Kanälen (gerade aus dem Internet) suggeriert würde, es wäre nichts Schlimmes dabei, ihre Wut in destruktivem Verhalten zu kanalisieren. Und wenn dabei in vielen Fällen nicht auch noch die Grundregeln menschlichen Zusammenlebens bewußt ausgespart würden. Das führt dann dazu, dass Menschen ohne die entsprechenden kognitiven Schranken plötzlich der Meinung sind, die öffentliche Meinung würde jede Form ihrer Wutäußerung gutheißen. Ohne diese Menschen zu Opfern machen zu wollen, aber das führt dann in nicht wenigen Fällen zu spürbaren Konsequenzen für die letztgenannte Gruppe, von Jobverlust (wg. hetzerischen Facebook-Kommentaren) und Bußgeldern (wg. hetzerischen Kommentaren) bis hin zu langjährigen Haftstrafen (Reker-Attentäter).