Deutschland ist raus. Na und?

Von Andreas Theyssen am 8. Juli 2016

La Mannschaft ist nur bis zum Halbfinale gekommen. Das macht nichts. Denn aus ihrem Auftritt bei der Europameisterschaft in Frankreich können wir viel lernen.

Die letzten Minuten waren eine Qual. Wie Frankreichs Verteidiger Sagna an der eigenen Torauslinie einen deutschen Angreifer austrickste, erst mit dem Kopf, dann mit dem Fuß, und das Ganze mit einer unglaublichen Lässigkeit – es war schon fast demütigend. Und der Schlusspfiff in gewisser Weise erleichternd. Mit ihm war dann das Gastspiel des deutschen Teams bei der Fußball-EM auch beendet.

Der Weltmeister von 2014 ist 2016 nur bis zum Halbfinale gekommen. Das ist schade, aber grämen muss man sich deswegen wahrlich nicht. Deutschland hatte dieses Spiel über weite Strecken sehr gut im Griff – und dann sehr viel Pech. Vor allem aber können wir aus dem Auftritt von La Mannschaft in Frankreich sehr viel lernen.

Lektion 1. Das Team von Joachim Löw hat es den Spaniern nachgemacht und zeigt, dass es beim Fußball noch viel mehr zu sehen gibt als schöne Tore. Die Ballbesitzstrategie, das Kurzpassspiel, die weiten Pässe von Jerome Boateng nach vorne links zu Jonas Hector – das alles ist schön anzusehen, eine Augenweide, es macht Spaß. Wer’s nicht glaubt, sollte sich noch einmal Spiele der DFB-Auswahl aus der Ära Erich Ribbeck anschauen.

Lektion 2. Die Spiele von La Mannschaft können mit jedem Thriller mithalten. Okay, der Auftritt gegen Polen war begrenzt prickelnd, und natürlich muss man einkalkulieren, dass Spiele des eigenen Nationalteams per se für eine gesteigerte Adrenalinzufuhr sorgen. Aber das Match gegen Italien mit seinem Elfmeter-Krimi war eines der spannendsten Spiele der letzten 40 Jahre. Für solch ein Ausmaß an suspense zahlen wir im Kino viel Geld.

Lektion 3. Rassismus ist brunstdumm. Vor und nach der EM versuchten AfD-Politiker, Nationalspieler auszugrenzen, bloß weil sie etwas anders aussehen als der Durchschnittsteutone. Alexander Gauland behauptete, die Deutschen wollten Jerome Boateng nicht als Nachbarn haben. Beatrix von Storch entblödete sich nicht, kurz nach dem EM-Aus unter Vergewaltigung der deutschen Orthografie zu twittern: „Vielleicht sollte nächstes mal dann wieder die deutsche NATIONALMANNSCHAFT spielen?“

Boateng wurde spätestens während dieser EM zum Sympathieträger: durch seine spektakulären Rettungsaktionen, durch sein Tor gegen die Slowakei, durch seine gekonnten Spieleröffnungen aus der Defensive heraus. Und Frankreichs 2:0 zeigte eindrucksvoll, wie wichtig Boateng für die deutsche Abwehr ist. Den wohl besten Innenverteidiger der Welt zu diffamieren, bloß weil sein Vater aus Ghana stammt, ist einfach absurd. Wie wichtig Mesut Özil ist, konnte man spätestens beim Spiel gegen Italien sehen. Und das erste EM-Tor der Deutschen schoß übrigens Skodran Mustafi.

Lektion 4. Wir müssen uns keine Sorgen um die Zukunft von Deutschlands Fußball machen. In Frankreich hat sich gezeigt, dass die Golden Generation von 2014 um Bastian Schweinsteiger, Mats Hummels und Manuel Neuer würdige Nachfolger hat. Die Dribbelings von Julian Draxler, die sensationellen Auftritte von Joshua Kimmich und Jonas Hector auf den Außenbahnen, der kurze Auftritt von Leroy Sané im Halbfinale, der einfach Lust auf mehr machte – all dies zeigt, dass es bei La Mannschaft einen Generationswechsel ohne Brüche geben wird. Freuen wir uns also auf die WM 2018.

Andreas Theyssen, Autor und Berater in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ freitags.

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maSu am 8. Juli 2016

Zu der Boateng-Nummer und der AfD:
Versuchen Sie doch mal als "Mohammed Özlügüz" eine Wohnung, einen Job usw. zu bekommen. "Sebastian Müller" hat es da deutlich leichter. Das haben viele Studien schon herausgefunden, indem beispielsweise identische Bewerbungen abgegeben wurden, nur der Name wurde ausgetauscht.
Diese Form des Alltagsrassismus existiert in Deutschland. Dies zu leugnen hilft im Übrigen auch nicht weiter. Auf Gauland einzudreschen ist da auch wenig hilfreich. Er hat - wenn auch mit einem ungünstigen Beispiel - schlicht die Wahrheit gesagt.

TGR am 11. Juli 2016

@maSu
Auch hier kurz eine Replik: Ja, Gauland verteidigt sich jetzt damit, dass er auf Alltagsrassismus hinweisen wollte. Man kann seine kurzen Statements auch in dieser Weise lesen. Allerdings deuten m.M. nichts aus der politischen Agenda der AfD oder von Alexander Gauland persönlich darauf hin, dass sie Xenophobie kritisiert oder in irgendeiner Weise als kritikwürdig betrachtet, sondern eher, dass es sich um etwas handelt, dass unterstützt und aus seiner Tabuisierung herausgeholt werden sollte, über das man offen reden dürfen sollte und das ggf. durch die Politik mit entsprechenden Maßnahmen unterstützt werden sollte. Und das finde ich dann eben wieder sehr kritikwürdig.

Wäre einmal spannend zu erfahren, was die AfD vom Anti-Diskriminierungsgesetz hält...

maSu am 12. Juli 2016

TGR: ich weiß, Gauland und die AfD sind sicherlich die Letzten, die sich gegen Rassismus einsetzen würden, dennoch:

Das Zitat ist unmissverständlich. Wendet man die dt. Sprache korrekt an, dann lässt sich das Zitat nicht anders "deuten".

Die Worte wider ihrer Bedeutung auszulegen, weil es Gaulands Worte sind, ist eher für diverse Journalisten entlarvend.

TGR am 17. Juli 2016

@maSu - Folgendes ist jetzt off-topic:
Hmm... ein Sprachwissenschaftler würde einwenden, dass es einen unmißverständlichen Kommunikationsakt garnicht geben kann, und mancher Neurowissenschaftler würde ihm wahrscheinlich zustimmen, aber das ist jetzt Wortklauberei.

Ich will Ihre pauschale Medienschelte jetzt nicht weiterdrehen, aber ich hatte schon in einem älteren Post zu dem Thema angefügt, dass ich schwierig finde, dass das Zitat nicht in einem Interviewrahmen gefallen ist, also auch nicht nachgefragt werden konnte, und dass sich die Medien boulevardesk eher darauf gestürzt haben, dass Gauland Boateng beleidigt hätte (also auf eine persönliche Ebene), statt das Verhältnis AfD und Xenophobie zu hinterfragen.