Vergebt Christoph Harting, ihr Aufregungsaktivisten

Von Thomas Schmoll am 14. August 2016

Ein junger Sportler aus Berlin wird überraschend Olympiasieger. Bei der Siegerehrung verhält er sich pubertär. Ihn dafür aber verbal an den Pranger zu stellen, ist genauso albern – und Zeugnis unserer entfesselten Empörungsgesellschaft.

Ja, es ist unangemessen, beim Hören der Nationalhymne Faxen zu machen.

Ja, es ist Blasphemie, die Arme auszustrecken, um die Christusstatue von Rio de Janeiro zu geben, sich also mit dem Hero des Christentums auf eine Stufe zu stellen.

Ja, es ist ein Unding, Journalisten pauschal als sensationslüstern mit der Erklärung abzukanzeln, er habe nicht die Absicht – „vor keinem von ihnen!“ – zu versuchen, besonders gut dazustehen – so, als hätte ihm soeben einer der Reporter vorgeworfen, auf Koks zu sein.

Und ja, es ist bekloppt bis schizophren zu behaupten, introvertiert zu sein und sich Minuten zuvor so albern bei einer Siegerehrung zu verhalten wie niemals irgendwer zuvor in der Geschichte der Olympischen Spiele.

Keine Frage: Der Fremdschämfaktor war mindestens so hoch wie die Überraschung, dass Christoph Harting Gold im Diskuswerfen holt.

Aber genauso gigantisch ist der Ausschlag des Hysteriepegels gewesen, als sei das Abendland dem Untergang wieder ein Stück nähergekommen. Das Empörungsritual ist in diesem Ausmaß genauso überflüssig wie das Gehampel des Leichtathleten auf dem Siegerpodest. Es wäre schön, wenn Deutschland wieder öfters die Kirche im Dorf lassen und nicht sofort einen Menschen, der sich ein einziges Mal daneben benommen hat, zu verdammen. Muss man jemanden zum Ungeheuer erklären, weil er es wagte, einen ZDF-Moderator nicht abzuklatschen? (Nebenbei: Sieht so distanzierter Journalismus aus? Man stelle sich vor, Heribert Prantl würde Angela Merkel abklatschen – Deutschland würde ausflippen.)

Schaut man sich die Siegerehrung einmal in aller Ruhe an, kann man durchaus auch fragen: Was ist eigentlich passiert? Harting brach nicht vor Rührung zusammen, heulte nicht und stand nicht still. Er hat gepfiffen, Grimassen geschnitten und sich tänzelnd bewegt. Wie gesagt: eine Dummheit eines kleinen Jungen, der außer Rand und Band ist. Und weiter? Nichts. Der 25-Jährige lieferte später in einem ARD-Interview eine Erklärung: „Wie bereitet man sich darauf vor, Olympiasieger zu werden? Ich meine, selbst bei aller Tagträumerei, die man irgendwie vollziehen kann – sowas kannst du dir nicht vorstellen, sowas kannst du dir nicht ausmalen.“

Wer sich den Mann in dem Interview genau anschaut, erlebt einen freundlichen, eher bescheidenen und zurückhaltenden Menschen, genau das Gegenteil von dem überdrehten Burschen, der nach seinem Goldtriumpf ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legte. Während die ganze Nummer etwas schrecklich Aufgesetztes hatte, wirkte Hartings Auftreten vor dem ARD-Mikrofon wesentlich authentischer, als spreche da jemand für sich und nicht die Worte aus einem Drehbuch der PR-Abteilung, die ihm empfohlen hat: Sei unartig, verhalte dich wie ein Zampano, damit das Land über dich spricht. Vielleicht hatte er sich wirklich zurechtgelegt, den megacoolen Aufrührer zu spielen, der es der Presse mal so richtig zeigt. Ihr immer mit euren dämlichen Fragen! Dann ging das zum Glück voll in die Hose.

Wer weiß allerdings, was in einem Menschen vorgeht, der aus dem Schatten seines großen Bruders hervortritt und dessen großer Traum vom Olympiasieg urplötzlich wahr wird. Seine Methode, das Unbegreifliche begreiflich zu machen, war irritierend. Man darf aber sicher sein, dass Harting sich niemals wieder so dumm verhält. Er zeigte in dem Interview Einsicht, dass er aus diesem Fehler gelernt hat. Hoffen wir also, dass all die Moralapostel, Wäre-mir-nie-passiert-Klugscheißer und Aufregungsaktivisten in den sozialen Medien ebenfalls dazu gelernt haben und beim nächsten Mal einen Tag warten, ehe sie auf Twitter und Facebook einen 25-Jährigen in den Boden stampfen.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, hat unter anderem für die Nachrichtenagenturen AP und Reuters sowie für ftd.de und stern.de gearbeitet.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 14 Bewertungen (4,64 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Zaunkoenigin am 15. August 2016

Ach, wenn sich die Welt nur genau so heftig empören könnte wenn im Sport gedopt, betrogen und gelogen wird, dann könnte ich die Aufregung noch verstehen. So aber wirkt sie nur so auf mich, als sei man darüber erleichtert endlich einmal einen anderen "Aufreger" vorliegen zu haben der ganz sicher nicht die "Sinnfrage" nach sich ziehen wird - wie das eben bei der Masse von Lug und Betrug im Kontext von Sport (eigentlich) der Fall sein müsste.

Sie haben einen warmherzigen, menschlichen und doch durchdachten Artikel verfasst. Ihre Erklärungsversuche lesen sich plausibel.