Was ist mit Erdogan passiert?

Von Sebastian Grundke am 15. August 2016

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan war einmal ein Reformer. Heute ist er ein Autokrat. Wie kam dieser Wandel zustande? Ein Erklärungsversuch.

Recep Tayyip Erdogan ist als Mittler zwischen Ost und West, zwischen alter, kemalistischer Türkei und neuer Zeit angetreten und stand zunächst auch für Aussöhnung mit den Kurden. Inzwischen gilt er längst als Autokrat, der die Presse mundtot macht und den EU-Beitritt der Türkei massiv gefährdet. Dafür gibt es historische Gründe.

Wer verstehen will, wie Erdogans Entwicklung zustande gekommen ist, muss einen Blick auf die türkische Geschichte werfen. Der Gründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, wirkt für viele Türken bis heute identitätsstiftend. Das Verbot von Kopftüchern in türkischen Behörden, die Öffnung des Militärdienstes für Frauen und auch eine Sprachreform sowie die Eingliederung des Religionsunterrichts in staatliche Schulen haben das Land geprägt und gehen auf den Kemalismus zurück. Die laizistische Türkei, die Atatürk schuf, war jedoch nicht allerorten Folge einer natürlichen Entwicklung. Sie steht bis heute im Widerspruch zu vielen Einflüssen im Land.

Atatürks Blick richtete sich auf die westlichen Nationen, die er sich zum Vorbild nahm. Doch der Vater aller Türken hat mit seinen Reformen die Gesellschaft auch schockiert. Die türkischen Bürger verehren ihn zwar bis heute für seinen Weitblick. Viele Herzen jedoch schlugen auch lange weiter für die Zeit des osmanischen Reiches. Die gespaltene Türkei hat Tradition.

Erdogan muss sich immer wieder an diesem historischen Vorbild messen lassen und mit ihm umgehen. Er legte jedoch längst auch Hand an Atatürks Erbe, an Kopftuchverbot oder Alkoholerlaubnis etwa. Auch anderweitig wandte er sich von Atatürks Politik ab.

Sein Blickwechsel nach Osten scheint nach dem jüngsten Putschversuch endgültig zu sein. Er trägt damit auch einem historischen Backlash Rechnung. Der zieht die Türkei weg vom Laizismus. Ob dieser Rückwärtstrend innerhalb der Türkei langfristig erfolgreich sein wird, ist jedoch fraglich. Erdogan allerdings unterstützt ihn tatkräftig. Er ist zudem etwas, was die Türkei grundsätzlich mit anderen europäischen Staaten und sogar mit den USA gemein hat: Denn in diesen Staaten rufen allerorten Rechtspopulisten Erinnerungen an die vor dem Zweiten Weltkrieg entstehenden Diktaturen wach.

Was sich momentan in der Türkei zuträgt, ist allerdings eher ein Zerrbild der Entwicklungen in den 1960er und 1970er Jahren. Damals folgten Militärintervention und Putsch gegen Süleyman Demirel auf eine Zeit von politischer und wirtschaftlicher Instabilität, auf Ausschreitungen von Links- und Rechtsextremen und auf das Ringen um den richtigen Antiterrorkampf. Demirel kam später – nachdem sein Nachfolger Opfer eines mutmaßlichen Giftmordes wurde – erneut an die Macht.

Das alles ist längst Vergangenheit, jedoch Teil des kollektiven Gedächtnisses der Türken. Sie haben nun in Erdogan einen geschwächten Präsidenten, dessen Gegner ebenfalls geschwächt sind. Wäre dieser Präsident allerdings so pro-westlich, wie er oft vorgab zu sein, würde er sein Amt niederlegen.

Sebastian Grundke, Autor in Hamburg, hat einen Teil seines Studiums in Istanbul verbracht.

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