Was wir durch Omran endlich begreifen sollten

Von Christian Nürnberger am 20. August 2016

Das Schicksal des Fünfjährigen aus Aleppo führt es uns drastisch vor Augen: Das Geflecht aus Schuld und Verstrickung im Nahen Osten muss endlich aufgedröselt und die Schuldigen müssen endlich benannt werden.

Es wird vermutlich das Bild des Jahres 2016. Und lässt uns ratlos unsere Ohnmacht fühlen. Ob dieser Junge überleben wird? Ob Omran je die Chance bekommen wird, zu verstehen, wie und warum er zu einem Opfer wurde?

Bis auf weiteres wird er mit dem Überleben beschäftigt sein. An Bildung und Schule nicht zu denken. Wenn er eines Tages überlebt haben sollte und in einigermaßen sicheren Verhältnissen weiterlebte, wird er gezeichnet und wahrscheinlich traumatisiert
sein von seinen Erlebnissen und kaum ein Interesse entwickeln, zu verstehen, was war, und dass die Schuldigen bestraft werden.

Aber wir, die wir in Sicherheit leben, sollten ein Interesse daran haben, dass die Schuldigen bestraft werden. Dazu müssten wir uns aber erst darüber einigen, wer die Schuldigen sind, und über dieser Frage würden wir uns vermutlich hoffnungslos zerstreiten und am Ende einander hassen.

Hass war bis vor kurzem etwas, das in entfernten Regionen blühte. Muslime gegen Juden gegen Christen gegen Säkulare. Sunniten gegen Schiiten gegen Aleviten. Dschihadisten, Salafisten, Islamisten, die Taliban, Al Qaida, Hisbollah, Hamas, der „Islamische Staat“ und Boko Haram zelebrieren ihren Brutalitätswettbewerb vor aller Welt.

Aber man muss auf Facebook nur ein kritisches Wort über den brutal-zynischen Machtpolitiker Putin und dessen Bomben auf Assads Gegner sagen – schon wird man übelst beschimpft von wildfremden Menschen, von denen man nicht weiß, ob sie bezahlte Putin-Agenten sind oder einfach nur einseitig sich informierende USA-Hasser, für die feststeht, dass die USA an allem schuld sind. Benennt man dagegen den Anteil der US-Schuld an der Misere im Nahen Osten, wird man von den anderen beschimpft, für die Russland das Reich des Bösen ist.

Daher die dringliche Frage: Gibt es überhaupt noch eine nennenswerte Zahl von Menschen, mit denen man sich darauf einigen kann, dass Russland und China Diktaturen und zynische Weltmächte sind? Und dass die USA formal eine Demokratie sind, die aber ebenfalls von Lüge und Zynismus regiert werden und dazu vom großen Geld? Und dass auch der Iran, Saudi-Arabien und das Assad-Regime eine sehr schmutzige Rolle spielen in Nahost? Und ja, auch die EU hat Interessen.

Ein kitzekleiner, aber nicht zu vernachlässigender Unterschied besteht aber noch: Während die Diktatoren in Russland, China, Syrien, Iran, Saudi-Arabien schalten und walten können, wie sie wollen, werden die Zyniker in den USA und der EU noch von demokratischen Verfassungen gebremst und von den Resten einer noch bestehenden freien Presse, in der Türkei schon nicht mehr, in Ungarn und Polen kaum noch.

Aber wenn das Spiel zwischen Russlandverstehern und Russlandhassern, USA-Verstehern und USA-Hassern, Links- und Rechtspopulisten hierzulande noch eine Weile so weitergeht, wird auch hier die Demokratie vor die Hunde gehen. Und wir werden nie bekommen, was eigentlich längst nötig wäre, schon jetzt sehr unwahrscheinlich ist, dem syrischen Jungen aber zu wünschen ist: eine unabhängige Wahrheitsfindungskommission, die das ganze Geflecht aus Schuld und Verstrickung aufdröselt, Verantwortliche benennt und sie vor ein internationales Gericht stellt.

Ich werde dies wahrscheinlich nicht mehr erleben, der syrische Junge auch nicht.

Aber eins lässt sich schon jetzt deutlich erkennen an der Gewaltorgie in Nahost: Internationale Politik gehorcht weitgehend den Regeln der Mafia. Die Konflikte der rivalisierenden Mafiabanden werden mal intelligent, mal brachial gelöst, aber hinter allem steht immer die Bereitschaft, sich notfalls mit Gewalt den Zugang zu den am besten gefüllten Trögen zu sichern. An hehre Werte wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Demokratie glaubt kaum einer der handelnden Akteure, und, schlimmer noch: Es glaubt auch keiner daran, dass sich das jemals ändern wird, und darum wird es auch gar nicht mehr versucht. Wer es dennoch als Einzelner oder Gruppe versucht, wird spöttisch belächelt, und wenn er dennoch durch Fortschritte und Erfolge den Banden plötzlich in die Quere kommen sollte, zunächst benutzt, und am Ende erledigt.

Christian Nürnberger, Autor in Mainz, arbeitete unter anderem für „Frankfurter Rundschau“, „Capital“ und „Süddeutsche Zeitung“. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien „Die verkaufte Demokratie. Wie unser Land dem Geld geopfert wird.“

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Zaunkönigin am 20. August 2016

Ich möchte mich bei Ihnen für diesen Artikel herzlich bedanken und ich wünsche mir, dass viele Menschen beginnen über die darin enthaltenen Aussagen unvoreingenommen nachzudenken.

Thomas Schmoll am 21. August 2016

Absolut richtige Analyse. Danke