Positive Diskriminierung

Von Sebastian Grundke am 2. September 2016

Man kann niemandem vorschreiben, was er anzuziehen hat. Jedoch gibt es auch anderswo Kleidungsgepflogenheiten: Anzüge hier, Schlipse oder Kostüme dort. Von den ungeschriebenen Moderegeln unter Künstlern ganz zu schweigen. So gesehen wäre ein Burkini-Verbot in Deutschland ein Beitrag zur kulturellen Vielfalt.

Natürlich hat die libanesisch-australische Designerin Aheda Zanetti beim Entwerfen ihres Badeanzugs für Muslima gute Arbeit geleistet. An einigen französischen Stränden ist die Bademode dennoch untersagt. Auch in Deutschland erregt die Diskussion um ein mögliches Verbot des Kleidungsstücks allerorten die Gemüter. Bayern etwa hat ein Verbot schon umgesetzt. Das ist gut so.

Schließlich sind hierzulande Kleidungsregeln üblich: Nur zögerlich lockern konservative Firmen ihre Kleidungsvorschriften in Sachen Anzug und Kostüm. Andernorts wiederum gelten gänzlich ungeschriebene, aber nicht weniger strikte Regeln. In der Werbe- oder IT-Branche beispielsweise scheint eine Mischung aus Wildheit und Gesetztheit angebracht zu sein. Überall, wo Künstler am Werk sind schließlich, sind Kleidungspflichten noch viel ausgeprägter: Goldkettchen, Sonnenbrillen oder dergleichen sind in der Musikbranche zum Beispiel durchaus en vogue. Hiesige Rapper etwa können der zugezogenen Konkurrenz aus Süd und Ost in Sachen Gangster-Style oft kaum noch das Wasser reichen. Sogar das Schnellfeuergewehr gehört teilweise zum guten Ton wie andernorts das Einstecktuch.

Deshalb sollten sich alle Nicht-Bayern ein Beispiel am niedersächsischen Hildesheim nehmen. Dortige Freibadbetreiber erwägen das Verbot des in den USA so genannten Splashgears, dessen Tragen von der aktuellen Badeordnung ohnehin nicht gedeckt ist. Neben allerlei gesundheitlichen Bedenken, die beinahe vorgeschoben wirken, scheint es den Betreibern letztlich um das Verbessern des Badeerlebnisses für alle Gäste zu gehen.

Denn seien wir mal ehrlich: Das Fremde hatte schon immer seinen Reiz. Ohne konservativen deutschen Kreisen irgendeine Art von unchristlichem Verlangen unterstellen zu wollen, muss klar gesagt werden: Ein Burkini-Verbot ist angesichts der Wachtelisierung von Whirlpools und Badeliegen durch deutsche Mittelstandsbadegästinnen eigentlich nur positiv zu sehen. Denn schon der deutsche Dichter Theodor Fontane wusste: „Die Schönheit ist da; man muss nur ein Auge dafür haben oder es wenigstens nicht absichtlich verschließen.“

Einigen Frauen wird ein derartiges Verbot freilich nicht nur gegen den Haşema, wie die Bademoden in der Türkei genannt werden, gehen. Auch hier jedoch bieten sich in Deutschland ganz hervorragende Lösungen an: Insbesondere die neuen deutschen Bundesländer von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen-Anhalt nämlich haben ungezählte Nacktbadestrände seit vielen Jahrzehnten im Programm. Ein Top-Alternative für all diejenigen Frauen, die nicht auf Bikini oder klassischen Badeanzug umsteigen mögen.

Auf diesem Wege würde ein Verbot nicht nur der jüngeren Entwicklung im deutsch-sprachigen HipHop gerecht. In dessen Musikvideos machen sich neben viel Feuerkraft ohnehin auch immer mehr schnelle Autos breit, so dass hübsche, burkinilose Damen die optimale Ergänzung wären. Auch die kulturelle Vielfalt, die gerade in den Ostbundesländern nicht zuletzt während der grauen Zeiten des Sozialismus arg gelitten hat, könnte so eine ganz überraschende Renaissance erleben.

Doch aufgepasst: Wer sich nun voller Inbrunst der nächsten Ex-Splashgear-Trägerin an den Hals wirft, sollte sich erneut Fontane ins Gedächtnis rufen, um so einer möglichen Selbstüberschätzung zu entgehen. Der schrieb nämlich ebenfalls: „Die Fremde lehrt uns nicht bloß sehen, sie lehrt uns auch richtig sehen. Sie gibt uns auch das Maß für die Dinge. Sie leiht uns auch die Fähigkeit, Groß und Klein zu unterscheiden.“

Bloß einem Teil der Modeindustrie könnte das ganze am Ende sauer aufstoßen. Sollte dieser partout nicht auf die Produktion von herkömmlicher Bademode umsatteln wollen, bliebe jedoch noch die Hoffnung auf irgendein Freihandelsabkommen à la TTIP. Das sieht immerhin Klagen gegen Gesetze vor, die das Wirtschaftsleben einschränken.

Sebastian Grundke, Autor in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Was mich bewegt“ freitags.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 11 Bewertungen (2,36 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zaunkönigin am 2. September 2016

jetzt können Sie gleich wieder loskrakelen........ dennoch, ich mag mir meinen Kommentar in Anbetracht meiner Fassungslosigkeit nicht verkneifen.

Wie man die Diskussion um den Burkini auf diese Summe von Plattheiten herunter brechen kann ist mir ein Rätsel. Meine Güte, Oberflächlicher geht es schon nicht mehr.