Mehr Stipendien für Europa

Von Sebastian Grundke am 7. Oktober 2016

Das Studentenaustauschprogramm Erasmus wirkt demokratiefördernd. Brexit und Türkei-Putsch schränken seine Wirkmacht jedoch ebenso ein wie die Parolen rechter Populisten. Das Programm sollte deshalb mehr Geld erhalten.

Universitäten vermitteln nicht nur akademische Bildung, sondern auch soziale und kulturelle Kompetenzen. In diesem Zusammenhang hat vor allem das europäische Studentenaustauschprogramm Erasmus einen hohen Stellenwert: Teilnehmer können ihren Horizont durch Studiensemester in EU-Ländern sowie in Anrainerstaaten wie der Türkei erweitern. Sie lernen so neue Sprachen, kulturelle Kompetenz und Toleranz. Das Programm sollte deshalb dringend ausgebaut werden.

Denn der so genannte Brexit sowie der Putsch in der Türkei haben den Zusammenhalt in der EU sowie die Aussicht auf ihre Erweiterung schwer erschüttert. Die Verantwortlichen des Programms und die europäische Wissenschaftslandschaft stellt dies zudem vor große, neue Herausforderungen.

In der Vergangenheit wurden immer wieder Forderungen laut, die Mittel für den Erasmus-Austausch und verwandte Programme zu kürzen. Um die sprachliche und kulturelle Vielfalt und das Verständnis für Andersdenkende innerhalb der EU weiter zu erhalten, spielt der Studentenaustausch jedoch eine große Rolle: Bislang vermittelte er unter anderem Kenntnisse über andere Länder und Kulturen. Vor allem jedoch baute er sprachliche Hürden weiter ab. Die waren lange ein Kernproblem beim Zusammenwachsen der Europäischen Union, standen sie doch dem Selbstverständnis der Menschen als EU-Bürger der verschiedenen Mitgliedsstaaten im Wege. Mittlerweile wird außerdem aufgrund des Krieges in Syrien und anderer Konflikte sowie der Flüchtlingswelle das Verständnis von Kulturen aus muslimischen Staaten und EU-Grenzländern immer wichtiger.

Darüber hinaus erfüllt der Studentenaustausch weitere wichtige Aufgaben: So werden etwa Bachelor- und Masterstudiengänge oft für ihre straffen Stundenpläne kritisiert. Austauschprogramme bieten Studenten da die Möglichkeit einer Art Atempause vom üblichen Leistungsdruck. Zudem sind Stipendien vor allem in Deutschland rar. Selbst das so genannte Deutschlandstipendium, welches als Lieblingsprojekt der ehemaligen deutschen Bildungsministerin Annette Schavan galt, gilt als weitgehend gescheitert. Es sollte im Zuge der Einführung der neuen Studienordnungen für Bachelor- und Masterstudenten auch den Leistungsdruck abfedern, weil es Nebenjobs für Studenten weniger nötig machte. Hier war die Initiative der Wirtschaft gefragt, die den ersten Teil des Geldes geben sollte. Sie war jedoch letztlich zu zurückhaltend. Unter anderem kritisierten ihre Vertreter die Ausgestaltung der neuen Studienordnungen und die Abkehr von klassischen Bildungsidealen.

Um all diesen zeitgenössischen Fährnissen des Studentenlebens und der Demokratie zu begegnen, ist das Erasmus-Programm ein probates, wenn auch nicht das einzige Mittel. Seine Töpfe und jene verwandter Programme sollten deshalb aufgestockt werden. Dafür sollte sich ein parteiübergreifendes Bündnis aus EU-Befürwortern in Brüssel, aber auch auf der Ebene der Mitgliedsstaaten stark machen. Denn so können die Folgen von Brexit, Türkei-Putsch und in der EU grassierendem Fremdenhass für die Denkhorizonte aktueller und kommender Studentengenerationen gemildert werden.

Sebastian Grundke, freier Journalist in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Was mich bewegt“ jeden Freitag.

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maSu am 10. Oktober 2016

Ich lese nur Toleranz, Vielfalt, Kompetenz....
Wo ist der einzig relevante Punkt? Werden die Studiengänge, die da gefördert werden, überhaupt benötigt?

Brauchen wir wirklich den millionsten Soziologen und/oder Dummschwätzer? Nein.
Muss der millionste Dummschwätzer also teure Auslandsaufenthalten gesponsert werden? Nein.

Wir brauchen mehr zielgerichtete und sinnvolle Förderungen in Naturwissenschaften. Fächer, die ernsthaft in der Lage sind, einen wirtschaftlichen Mehrwert zu schaffen. Denn der ganze geisteswissenschaftliche Wasserkopf, den wir jetzt schon in Deutschland und ganz Europa haben, der muss von irgendwelchen Einnahmen bezahlt werden. Wer erzeugt die Einnahmen? Jene Menschen, die etwas Studiert haben, was auch wertschöpfend oder zumindest werterhaltend ist.

Zudem frage ich mich schon, was wir mit den ganzen Geisteswissenschaftlern noch machen sollen, wenn Autos autonom fahren können. Als Taxifahrer taugen sie dann auch nicht mehr....

TGR am 11. Oktober 2016

Ich würde den Nutzen des Erasmus-Stipendiums (und ähnlicher Austauschprogramme auf anderen akademischen Ebenen) nicht überbewerten. Natürlich tragen sie zur Persönlichkeitsentwicklung bei; stimulieren die Erfahrung, sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden zu müssen und neue Kontakte knüpfen zu müssen; und sind ein für viele Berufe im inner- und außeruniversitären Bereich ein nützlicher Erfahrungs- und Karrierebaustein. Ob in einem Erasmus-Programm aber wirklich Toleranz und interkulturelle Kompetenzen vermittelt werden, sei aus zwei Gründen hinterfragt: 1) Sind m.W. die beliebtesten Destinationen immer noch die angelsächsischen Länder, gefolgt von Spanien, Frankreich und Italien - im Prinzip also Westeuropa. Staaten, die schon seit Jahrzehnten in der EU sind und deren Bewohner - im Gegensatz zur Situation vor drei Generationen - nicht mehr als "fremd" oder "kulturell andersartig" betrachtet werden. 2) Ist es häufig so, dass Erasmus-Studenten gerne "unter sich bleiben", d.h. sich eine multinationale Gruppe findet, die dann gemeinsam - je nach Motivationslage - in die Vorlesung oder Feiern geht. Diese Selbstabschottung führt m.M. dazu, dass man vom Austauschland nicht mehr kennenlernt als den Strand und die nächste Bar. Programme wie IAESTE oder RISE lösen diese Problematik m.M. nach besser, da sie mit konkreten Projekten verknüpft sind.

Nichtsdestotrotz - ich stimme zu, dass die Kürzung dieser Programme fatal sind. Ich finde einen weiteren Grund bedenkenswert: Erasmus-Austausche sorgen dafür, dass Menschen sich aus ihrer Komfortzone bewegen müssen, dass sie Neues wagen und in anderen Bahnen denken müssen, und sich auch einmal an ungewohnte neue Abläufe anpassen müssen - kurz gesagt: im Leben neue Wege finden müssen. Ich finde, damit wird eine Kompetenz erworben, von der man ein Leben lang zehren kann.

@maSu
Ich warne immer davor, universitäre Ausbildung (und auch universitäre Forschung) dem Nützlichkeitsdenken - vor allem fachfremder Disziplinen - zu unterwerfen. Ich kenne viele Diskussionen zwischen Geisteswissenschaftlern und Naturwissenschaftlern, an denen am Schluss statt eines gegenseitigen Verständnisses der Methodik und des Gegenstandes des anderen nur noch eine Aufzählung der "Geschenke" der jeweiligen Disziplin an die Menschheit standen.
Natürlich ist bei Geisteswissenschaftlern i.d.R. der Berufsweg nicht so stark vorgezeichnet wie bei Naturwissenschaftlern (speziell in den technischen Disziplinen). Aber auch hier gibt es klare Berufswege - Germanisten (Lehramt) unterweisen Kinder und Heranwachsende in den Gebrauch der Sprache; Romanisten und Anglisten (Lehramt) in Fremdsprachen; Soziologen untersuchen und beschreiben die gesellschaftliche Dynamik; Juristen erhalten und verfeinern das Rechtssystem und damit eine Stütze der Gesellschaft; etc. etc. Der Rest muss seinen Berufsweg nun einmal freier gestalten - ich habe auch schon eine Immobilienmaklerin getroffen, die Germanistik studiert haben - aber das muss man eben wissen, wenn man sich für diese Studiengänge interessiert. Die Arbeitsagentur hat zumindest spezialisierte Kräfte für die Härtefälle. Der taxifahrende Philosophiestudent dürfte hingegen ein Klischee sein. Und auch dem hätte - aus oben erwähnten Gründen - ein Erasmus-Semester vielleicht nicht geschadet.

maSu am 17. Oktober 2016

TGR:

"Ich warne immer davor, universitäre Ausbildung (und auch universitäre Forschung) dem Nützlichkeitsdenken – vor allem fachfremder Disziplinen – zu unterwerfen. Ich kenne viele Diskussionen zwischen Geisteswissenschaftlern und Naturwissenschaftlern, an denen am Schluss statt eines gegenseitigen Verständnisses der Methodik und des Gegenstandes des anderen nur noch eine Aufzählung der „Geschenke“ der jeweiligen Disziplin an die Menschheit standen."

Gegenseitiges Verständnis .... darum geht es hier nicht. Ich verstehe, dass wir einige BWLer brauchen. Aber brauchen wir Legionen davon? Ich verstehe, dass wir Politologen, Soziologen, ... brauchen, aber auch davon brauchen wir nicht so viele.

Wir bilden weit(!) über Bedarf in diesen Bereichen aus. Nicht die Besten wählen solche Fächer, sondern jene, die bei anderen Fächern nicht zugelassen werden. Ein Studium aus der "Not" oder "schlechten Note" heraus.

Wer nicht die Noten hat, um etwas zu studieren, der sollte es lassen. Wir brauchen ebenso gute Lehrlinge wie gute Studenten. Wer in nicht gut in Englisch ist, wer in Mathe an Differentialrechnung scheitert, der ist nicht dumm, der hat ggf. nur andere Talente.

Trotzdem irgendein Fach zu studieren - studieren zum Selbstzweck - ist da keine Lösung. Das Produziert nur Kosten (für den Staat: erst Studium, dann H4...) und Dummschwätzer (irgendwo landen diese Menschen manchmal ja dann doch und richten noch Schaden an).

Ich habe Respekt vor intelligenten Geisteswissenschaftlern. Ich treffe nur nie einen.