Sympathy for the Devil

Von Sebastian Grundke am 14. Oktober 2016

Der neue Literaturnobelpreisträger heißt Bob Dylan. Mit dem Folkpoeten ehrt das Komitee nicht nur einen Musiker. Die Wahl wirft auch Licht auf die amerikanische Geschichte und die schon etwas zurückliegende Kür Obamas zum Friedensnobelpreisträger.

Natürlich hat Bob Dylan den Literaturnobelpreis verdient. Sein Einfluss in musikalischer, literarischer und politischer Hinsicht kann kaum bestritten werden. Allerdings mutet der Rückgriff auf alt-griechische Dichtkunst in mancherlei aktuellem Zeitungstext zum Thema wie eine arg verkopfte Rechtfertigungsstrategie an: Dylan stünde praktisch in der Tradition von allerlei Uralt-Dichtern und damit auch in jener der Barden. Das mag aus literaturwissenschaftlicher Sicht halbwegs plausibel sein. Bloß war und ist Dylan eben in einer Zeit tätig, in der sich die Trennung der Künste in Musik, Literatur und bildende Kunst längst vollzogen hat, mag er auch noch so sehr Grenzgänger sein. Die Wahl macht also zunächst einmal deutlich, was den Nobelpreisjuroren fehlt: ein Preis für Musik nämlich.

Darüber hinaus wirft die Entscheidung für Dylan auch ein Licht auf die amerikanische Geschichte: Dylan nun so kurz vor der US-Präsidentschaftswahl mit einem Nobelpreis zu ehren, ist hochpolitisch. Der Musiker steht zwar nicht wirklich in die Tradition alt-griechischer Barden, jedoch in jener der amerikanischen Protestbewegung. Er wehrte sich immer wieder gegen diese politische Vereinnahmung – bloß bediente er sich für viele seiner Songs auch bei den Themen der schwarzen amerikanischen Bürgerrechtler der 1960er- und 1970er-Jahre. Er trug ihre Anliegen in die Öffentlichkeit, die sich ihnen damals verschloss. So machte er sich zum musikalischen Anwalt der Gleichberechtigung der Schwarzen in der ur-amerikanischen Welt von Folk und Countrymusik. Genres im Übrigen, die bis dahin gerne mal rassistisch und nationalistisch daherkamen.

Tatsächlich existiert sogar eine Legende über Dylan, die dessen bemerkenswertes Dilemma in der jüngeren amerikanischen Politgeschichte auf den Punkt bringt: Es heißt, ihm sei einst an einer Wegkreuzung, bei einem Spaziergang mit seiner Gitarre, der Teufel persönlich begegnet. Dylan sei mit dem Leibhaftigen dann einen Pakt eingegangen. Was dann folgte, sei eben Dylans kometenhafter Aufstieg zum Superstar in der Zeit der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung des vergangenen Jahrhunderts gewesen. Das Märchen vom bösen schwarzen Mann – lebt es also in Dylans Musik fort?

Jedenfalls hat der gute Bob die Nöte der Unterdrückten den Amerikanern schonender beigebracht, als es die Schwarzen mit ihrer Musik damals selbst taten. Ihrem „Tellin‘ it like it is“, ihrem teils brutal eindeutigen Erzählen und Berichten und dem direkten Ansprechen von Problemen, setzte er in Poesie und Lyrik verpackten Protest entgegen. Und den goutierte das weiße Amerika damals besser.

Dass er sich gegen solcherlei Deutungen seines Werks ganz grundsätzlich wehrte, ist verständlich: Alles andere hätte ihm vermutlich früher oder später rechtliche Probleme eingebracht. In jedem Fall hätte es seine Fangemeinde in Folk- und Countrykreisen geschmälert. Ein Selbstverständnis und Image als Barde, der Themen hübsch verpackt weiterträgt, passte da allemal besser. Zumal es en passant auch den Einfluss der Europäer in Sachen Sklavenhandel thematisiert und so auch manchen Kritiker beschwichtigt: Jene nämlich, die in seinem Werk zu viele Einflüsse des dem Soul und Rhythm and Blues der Schwarzen nahe stehenden Rock’n’Roll sehen.

Die Wahl des Nobelpreiskomitees ist also mal wieder politisch und darf auch als Konzession an den absurden politischen Kampf im Vorfeld der US-Wahlen gewertet werden. Dort fechten nämlich gerade zwei politische Gruppen die nächste Präsidentschaft unter sich aus, auf deren politischer Agenda die Geschichte Amerikas in Sachen Sklaverei und Unterdrückung der Schwarzen bestenfalls am Rande vorkommt: Rechtspopulisten und Feministinnen nämlich.

Die Kür Dylans annotiert zudem jene von Noch-Präsident Barack Obama zum Friedensnobelpreisträger vor einigen Jahren: Obama, hieß es immer mal wieder, wurde quasi für kommende Taten, etwa im Amt des US-Präsidenten, geehrt. So richtig mochte diese Vorschusslorbeeren jedoch kaum einer verstehen. Angesichts der Bilanz seiner Präsidentschaft, in die auch Entscheidungen für die oft kritisierten Drohneneinsätze fielen, werden deshalb immer wieder allerlei Frotzeleien laut: Dahingehend beispielsweise, ob Obama nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit nun eigentlich tatsächlich in die Sozialarbeit gehen und damit quasi in Mutter Teresas Fußstapfen treten wird.

Immerhin brachten derlei Bemerkungen das große Problem des Nobelpreiskomitees zur Sprache. Das ehrte nämlich mit dem Preis für Obama de facto den Mut der Amerikaner, die endlich mal einen Schwarzen ins Präsidentenamt wählten. Dämlicherweise verfiel es dabei jedoch in ein überkommendes Muster: weil der Preis plötzlich nämlich nicht mehr an einen einzelnen Menschen zu gehen schien. Das wirkte so, als seien Schwarze in den Augen des Komitees austauschbar.

Die Wahl Dylans steht in dieser etwas unglücklichen Tradition. Denn erneut wird jemand geehrt, der stellvertretend für etwas steht, eine ganze Bewegung etwa – und doch wieder nicht. So kreisen beide Preise – jene für Dylan und Obama nämlich – um das Trauma der Nobelpreiskürer in dieser Hinsicht. Nämlich dass Martin Luther King nun einmal vier Jahre, nachdem ihm der Friedensnobelpreis verliehen wurde, Opfer eines Attentats wurde. Vielleicht hätten es die Juroren besser bei dieser schon weit zurückliegenden Kür belassen sollen.

Bleibt noch die Frage, was ein reicher Mann wie Dylan mit dem stattlichen Preisgeld anstellt. Es in den Aufbau von Museen zur Geschichte der Sklaverei in Amerika zu stecken, wäre nicht die schlechteste Wahl. Derlei Unterfangen sind in den USA traditionell eher schwierig. In Washington existiert mittlerweile eines. Vielleicht findet sich ja ein ähnliches und förderungswürdiges Unterfangen irgendwo in den Südstaaten.

Sebastian Grundke, freier Journalist in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Was mich bewegt“ jeden Freitag.

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