Zynismus der Marke DuMont

Von Volker Warkentin am 28. Oktober 2016

 

Der Umbau von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ folgt einer eiskalten Management-Strategie und zeigt, dass der Verfall unserer Grundwerte nun selbst dort angekommen ist, wo sie eigentlich verteidigt werden sollten.

Eigenlob stinkt ja bekanntlich. Manchmal sogar wie die Pest. Wie etwa die Lobhudelei in eigener Sache des Managements der beiden zur DuMont-Mediengruppe gehörenden Blätter „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“. Sie ist an Zynismus nicht zu überbieten. „Etwa 110 neue Stellen werden in der Berliner Newsroom GmbH geschaffen“, schrieben die hauptstädtischen Statthalter des Kölner Konzerns unter der Überschrift „In eigener Sache“. Die Nachrichtenzentrale soll vom 1. November an als Dienstleister die seriöse „Berliner Zeitung“ und das Boulevardblatt „Kurier“ gemeinsam produzieren – und zwar sowohl die Druck-  als auch die Digitalausgaben. 50 Mitarbeiter, also ein Drittel der Belegschaft, verlieren ihre Jobs. Beide Blätter werden künftig in Kreuzberg und nicht mehr am historischen Sitz am Alexanderplatz in Mitte gemacht.

Mit dem Radikalumbau reagieren Eigentümer und Management auf den seit Jahren anhaltenden Niedergang beider Zeitungen infolge des Strukturwandels in der Medienbranche. Alle bisherigen Versuche, das Ruder herumzureißen, schlugen fehl – ein Zeichen der Unfähigkeit des Managements, die Lage in den Griff zu bekommen.

Dass Eigentümer und Manager aus wirtschaftlichen Gründen handeln und neue Wege gehen müssen, liegt auf der Hand. Aber muss man deshalb die Achtung vor Menschen verlieren und auf ihnen herumtrampeln?

„Entweder wir begleiten die ,Berliner Zeitung‘ und den ,Berliner Kurier‘ noch zwei Jahre beim Niedergang oder aber wir wagen einen Neuanfang“, begründete Aufsichtsrat Hans Werner Kilz mit brutaler Offenheit den anstehenden Umbau. Das Ende war absehbar, denn die wechselnden Eigentümer hatten vor allem für die „Berliner Zeitung“ kein durchgreifendes Konzept, deren Auflage von 200.000 auf 120.000 Exemplare zurückging.

Voller Ehrgeiz hatte sich das einstige SED-Blatt nach der Wende in den Zeitungsmarkt gestürzt, in dem es wie im Haifischbecken zugeht. Nicht weniger als die „deutsche Washington Post“ wollte Herausgeber Erich Böhme aus der „Berliner Zeitung“ machen. Das Ziel wurde trotz der Verpflichtung namhafter Journalisten nie erreicht. Dafür gehörte die Zeitung eine Weile zu den am meisten zitierten Zeitungen. Das war weder ein Wert an sich noch ließ sich daraus Honig in Form höherer Auflagen oder gestiegener Anzeigenumsätze saugen.

Seit Jahrzehnten sind Gewerkschafter und Mitarbeiter dreiste Forderungen der Verlage gewöhnt, Löhne und Zulagen müssten sinken. Doch das Vorgehen der DuMont Mediengruppe stellt alles bisher Bekannte in den Schatten. Was bedeutet es, wenn ein Konzern, dessen Produkte davon leben, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu begleiten und die Werte der Demokratie und Menschlichkeit hochzuhalten, seinerseits genau diese Werte durch eine achtlose Informationspolitik und fadenscheinige Grundsatzerklärungen mit Füßen tritt?

Dieser Frage sollte sich im aktuellen Fall die Politik stellen und mit klaren Worten Stellung beziehen.

Auf die 110 im Newsroom zu schaffenden Stellen sollen sich alle Beschäftigten bewerben können. Da droht ein Hauen und Stechen bis hin zur Spaltung der Mitarbeiterschaft. Denn ein Klima der Unsicherheit und Angst vor Arbeitslosigkeit wird aus Kollegen erbitterte Konkurrenten machen und Solidarität erschweren. Dabei werden weitere Grundwerte unserer Gesellschaft wohl auf der Strecke bleiben: Solidarität und der Mut zum Widerstand.

Volker Warkentin, Autor in Berlin und dju-Mitglied in der Gewerkschaft Verdi, hat in schwierigen Phasen seines Berufslebens den Wert von Solidarität schätzen gelernt.

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