Donald Trumps Wahl ist nicht der GAU

Von Christian Nürnberger am 9. November 2016

Dass der pöbelnde Unwissende ins Weiße Haus einzieht, ist ein Schock. Aber das muss keine Katastrophe sein.

Vor acht Jahren, als Obama gewählt wurde, hatte meine Frau mit einer amerikanischen Freundin telefoniert, und beide haben geweint vor Freude. Jetzt telefonieren sie wieder, weinen wieder, jedoch aus anderen Gründen.

Ist das jetzt der GAU? Ein ordinärer, frauenverachtender, pöbelnder, ausländerfeindlicher, sprücheklopfender, unwissender, rassistischer, steuerhinterziehender Multimillionär, der mit jeder Geste, jedem Wort, seiner Mimik und der ganzen Körpersprache meterweit den Groß-Macho heraushängen lässt, ist jetzt zum Präsidenten der gespaltenen Staaten von Amerika gewählt worden.

Bis vor kurzem hatten wir noch gedacht, mit George W. Bush sei der Tiefpunkt in der Geschichte der US-Präsidenten erreicht worden – aber nein, nun wissen wir: Es geht nochmals um ein paar Stufen tiefer.

Also ein politischer GAU, ganz klar.

Dennoch: Bevor wir uns einem hoffnungslos-deprimierten Defätismus ergeben, ein paar optimistische Gedanken, die sich – das ist mir klar – schon rasch als Illusion erweisen könnten, aber trotzdem nicht von der Hand zu weisen sind.

Also erstens: Vielleicht erleben wir ja mit Trump eine umgekehrte Obama-Überraschung. Obama hatte bei vielen geradezu messianische Hoffnungen geweckt und diese zunehmend enttäuscht. Heute wissen wir: Er war nicht der Messias, sondern nur ein leidlich guter Präsident, besser als viele seiner Vorgänger, und vielleicht gibt’s bei den nächsten Präsidentenwahlen ein Wiedersehen mit Michelle.

Mit Trump erleben wir jetzt das Gegenteil: Er weckt teuflische Ängste, mit ihm verbinden sich die schlimmsten Befürchtungen.
Könnte es nicht sein, dass sich auch diese Erwartungen schon bald in Nichts auflösen?

Bei Obama haben wir erlebt, dass der mächtigste Mann der Welt gar nicht so mächtig ist, wie es scheint. Er ist umzingelt von Beratern, Interessengruppen, Geheimdiensten, dem Militär, die allesamt ganz eigene Vorstellungen davon haben, was ein Präsident zu tun habe. Diese Umzingler haben Obama an Armen, Händen und Beinen gefesselt, wenn er etwas tun wollte, was ihren Interessen zuwider lief. Warum sollten sie das nicht auch mit Trump tun? Und warum eigentlich sollte Trump gegen seine Interessen handeln? Er und die mächtigen Geldgeber, die sowohl Clinton wie ihn mit hohen Summen im Wahlkampf unterstützt haben, sind doch weiterhin daran interessiert, gute Geschäfte zu machen. Die macht man aber nur, wenn die Zukunft einigermaßen berechenbar und planbar erscheint, wenn friedliche Beziehungen der Staaten den Welthandel nicht gefährden.

Natürlich gibt es auch einige, die am Krieg verdienen, aber das ist nicht die Mehrheit unter Amerikas Oligarchen. Trump hat keine Ahnung von Politik. Umso mehr wird er auf seine Berater und Administration angewiesen sein und auf Beamte, die schon viele Präsidenten überdauert haben. Kann natürlich sein, dass sich der idiotische Trump mit idiotischen Beratern umgibt, die ihm nach dem Munde reden, und er jeden feuert, der ihm widerspricht. War bei Bush auch so. Dennoch ist die Möglichkeit nicht ganz ausschließen, dass sich die Flurschäden, die anzurichten sich Trump in den Kopf gesetzt hat, aufgrund heftiger Widerstände in Grenzen halten werden.

Zweitens: Wenn Trump seine Wähler nicht in kürzester Zeit enttäuschen und um eine zweite Amtszeit kämpfen will, wird er die Amerikaner angenehm überraschen müssen. Er wird sich der vielen Globalisierungsverlierer seines Landes annehmen müssen, er wird eine Sozialpolitik für die vielen Abgehängten praktizieren müssen. Er wird Maßnahmen zur Verringerung der Kluft zwischen arm und reich ergreifen müssen. Er wird einen breiten Zugang zur Bildung ermöglichen müssen, und das heißt: Der Skandal, der darin besteht, dass junge Menschen für ihre Bildung Darlehen aufnehmen müssen und mit 100.000 Dollar Schulden ins Berufsleben starten, muss beendet werden. Täte er das alles – na wunderbar. Tut er’s aber nicht, wird Trump keine zweite Amtszeit vergönnt sein und schon während seiner ersten große Probleme bekommen.

Drittens: Die Rede, die er soeben gehalten hat, zeigt bereits einen anderen Trump. Ob er wirklich meint, was er sagt, wissen wir nicht, aber jedenfalls war er schon mal gut beraten.

Sollte er wirklich meinen, was er jetzt gesagt hat, wird er vor dem Problem stehen, die Leute, die er auf die Bäume gejagt hat, wieder herunterzuholen und die enttäuschen zu müssen, denen er einen „Mauerbau“ an der mexikanischen Grenze versprochen hat. Und er wird erklären müssen, warum er im Wahlkampf den Pöbler gemimt hat und sich jetzt plötzlich als Staatsmann geriert.

Trotzdem markiert dieser Wahlausgang in den USA eine Zäsur in der Geschichte des Westens, der sich einmal – zumindest verbal – als westliche Wertegemeinschaft definiert hat.

Wer Wahlen gewinnen wollte, musste stets ein Bekenntnis zu Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Menschenwürde, Minderheitenschutz, Meinungs- und Pressefreiheit abgeben.

Verlogen war das schon immer. Staaten kennen weder Freunde, noch Werte, sondern haben Interessen. Und diese versuchen sie mit Geld, Macht und notfalls militärischem Einsatz zu wahren und durchzusetzen – in der Regel mit der Zustimmung der Mehrheit einer mehr oder weniger gut aufgeklärten Bevölkerung.

Bei der Durchsetzung ihrer Interessen waren und sind sie aber immer an ihre demokratisch-rechtsstaatliche Verfassung gebunden. Wo ein gewählter Amtsträger versucht, an der Verfassung vorbei zu regieren, muss er es im Geheimen tun, darf sich nicht ertappen lassen, und das begrenzt das Zerstörungspotential von Durchgeknallten. Auf Dauer gegen die Verfassung zu regieren, dürfte auch einem Trump nicht gelingen.

Täte er es aber doch, wäre es an der Zeit für uns alle, wieder auf die Straße zu gehen und massenhaft zu demonstrieren wie einst gegen den Vietnamkrieg.

Aber warten wir jetzt doch erst einmal ab.

Christian Nürnberger, Autor in Mainz, arbeitete unter anderem für „Frankfurter Rundschau“, „Capital“ und „Süddeutsche Zeitung“. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien „Die verkaufte Demokratie. Wie unser Land dem Geld geopfert wird.“

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