Michelle vs. Melania – First Lady vs. Second Lady

Von Tamara Trautner am 11. November 2016

Nach Donald Trumps Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten bangen alle um die Zukunft der Welt. Aber was sagt die Wahl Melania Trumps zur First Lady über die Zukunft der Frauen?

Zwischen die vielen schrecklichen Bilder, die einem nach Donald Trumps Sieg durch den Kopf gehen, drängte sich heute auch dieses scheinbar nebensächliche: Michelle Obama zeigt Melania Trump das Weiße Haus, während ihre Ehemänner die Amtsübergabe vorbereiten.

Es ist völlig klar, dass es von diesem Ereignis keine Bilder geben durfte. Michelle Obama – Rechtsanwältin, Mutter zweier Töchter, gleichwertige und glaubwürdige Beraterin ihres Mannes, engagierte Wahlkämpferin, eine moderne, starke Frau mit unverwechselbarem Stil – zeigt einem Ex-Model die Privatgemächer und plaudert über Einrichtungsfragen? Mit diesem verstaubten Ritual will Michelle Obama nicht gesehen und gezeigt und schon gar nicht als First Lady verabschiedet werden.

Was könnte schmerzlicher sein für Michelle Obama, als ausgerechnet Melania Trump das Feld zu überlassen, die auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner im Juli 2016 zu keinem eigenen Gedanken fähig war und – um ihren Gatten zu preisen – schamlos die „Inspiration“ aus einer Rede Michelles ausnutzte?

„Genug ist genug!“, forderte Michelle Obama im Oktober in ihrer Rede in New Hampshire, nachdem haarsträubende sexistische Äußerungen von Trump bekannt geworden waren, und hielt ein feministisches Plädoyer, dass nicht zuletzt deshalb so brillant war, weil der große Hecht, der damit angab, qua Status jede Frau begrapschen und vögeln zu können, nicht ein einziges Mal namentlich genannt wurde.

Die bewundernswerteste First Lady aller Zeiten, Vorbild für emanzipierte Frauen in aller Welt, geht so, wie man es von ihr erwartet: Sie verweigert einer Frau, die sich für ein dekoratives Leben an der Seite eines rückwärtsgewandten Vergewaltigers entschieden hat, schlichtweg die Plattform. Und das ist eine einfache und große feministische Botschaft, die sie allen Frauen, allen Männern, uns allen mitgibt.

Melania Trump muss noch viel lernen.

Tamara Trautner, Mediatorin und Coach in Berlin, arbeitete viele Jahre als Verlagslektorin. Dass mit dem Satz „All men are created equal“ in der US-Unabhängigkeitserklärung nicht nur Männer gemeint sind, lernte sie bereits in ihrer Kindheit an einer deutsch-amerikanischen Schule in Berlin.

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Frank Heibert am 11. November 2016

Gut gebrüllt, Löwin! Die Demokraten hätten einfach den Mut haben sollen -- wenn das Dynastische schon kein Problem (mehr) war --, gleich Michelle Obama als Kandidatin aufzustellen, die hätte gewonnen. Nur, vermutlich wollten die Obamas ihr Leben zurück haben (hatten sich das aber natürlich anders vorgestellt). Ja, die Geste, die "Amtsübergabe" an die Nachfolgerin geräuschlos und medienabstinent zu gestalten, passt zur "When they go low, we go high"-Lady. Mit dem Trumpel selbst wird man so leider nicht umgehen können, aber den Ansatz kann man sich merken.