Dieselgate – Was Martin Schulz hätte sagen müssen

Von Hans-Joachim Rehg am 14. August 2017

In der Debatte um die Zukunft des Autos fehlt es an vernünftigen, sachlichen und ausgewogenen Positionen.

Martin Schulz, der Kanzlerkandidat der SPD, hatte eine einmalige Chance. Er hätte in der Diesel-Debatte der erste und einzige Politiker sein können, der eine vernünftige, sachliche und ausgewogene Position einnimmt. Diese Chance hat er grandios vergeigt.

Er brachte eine Elektroauto-Quote ins Spiel, von der er offenbar selbst nicht weiß, wie hoch sie sein soll und wie er Menschen dazu zwingen möchte, ihr hart erarbeitetes Geld für eine Antriebsart auszugeben, die vielleicht gar nicht zu ihrem Lebensumfeld passt.

Diese Sätze würde ich mir jetzt von einem verantwortungsvollen Politiker wünschen:

Liebe Wählerinnen und Wähler,
wir alle wissen, dass wir nicht ewig die fossilen Schätze der Natur plündern dürfen. Langfristig führt deshalb kein Weg vorbei an der Elektromobilität oder an der Nutzung synthetisch hergestellter Kraftstoffe.
Was die Elektromobilität anbelangt, wird es noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern, bis wir die Herstellung von Akkus und Motoren so umweltfreundlich gestalten können, wie wir das gerne hätten. Das sagen uns übrigens Wissenschaftler und nicht die Bosse der Autohersteller.
Einen vergleichbaren Zeitraum benötigen wir für den Ausbau der regenerativen Stromerzeugung. Beides spricht für einen behutsamen Übergang, denn es macht wenig Sinn, Millionen Elektroautos mit Strom aus Braunkohlekraftwerken zu füttern.
Bis es also soweit ist, wird der Verbrennungsmotor eine wichtige Rolle spielen. Und falls wir bei synthetischen Kraftstoffen weitere Erfolge erzielen, sogar darüber hinaus. Deshalb wollen wir Verbrennungsmotoren, die so sauber wie möglich sind. Dazu brauchen wir realistische Normen, die im realen Verkehr streng überprüft werden. Beides hat es in der Vergangenheit nicht gegeben, was zu den bekannten Betrügereien und Fehlentwicklungen geführt hat. Übrigens weltweit und nicht nur bei der deutschen Autoindustrie. Denn wie sonst wäre es möglich, dass importierte Diesel teilweise weit schlechtere Stickoxid-Werte haben als in Deutschland produzierte? Deshalb ist es äußerst unklug, alleine die deutsche Autoindustrie an den Pranger zu stellen und damit Arbeitsplätze zu gefährden, die zu unserem Wohlstand entscheidende Beiträge leisten.
Was wir aber brauchen – und das gilt für alle Bereiche der Mobilität, von der Kreuzfahrt über Flugreisen bis hin zum auf einen sparsamen Diesel angewiesen Berufspendler – ist mehr Transparenz, mehr Ehrlichkeit und eine bessere Kontrolle.

Hans-Joachim Rehg, Autor in München, arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Automobiljournalist, unter anderem für die Zeitschriften „Guter Rat“ und „SuperIllu“.

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Franz Müller am 10. September 2017

Nein, Herr Rehg, das hätten die Bosse von VW & Co natürlich gerne. "Mehr Ehrlichkeit" ist ein reiner Euphemismus angesichts des gewerbsmäßigen Betrugs, der da praktiziert wurde. Gewerbsmäßiger Betrug gehört konsequent geahndet, und "gefährdete Arbeitsplätze" dürfen nicht als Faustpfand für die Tolerierung derartiger Praktiken herhalten.

Und "mehr Transparenz" - was soll diese Verarschung? Nachdem die Betrügereien aufgeflogen sind, wurde dem staunenden Bürger erklärt, dass
1. diese Manipulationen leider nötig waren, weil auf die Gerade die unrealistischen Grenzwerte unmöglich einzuhalten gewesen wären
und dass
2. durch einfache Softwareupdates an den betroffenen Fahrzeugen, verbunden mit höchstens minimalen Eingriffen an der Hardware selbst, die Grenzwerte in Zukunft natürlich problemlos eingehalten werden würden.
Für wie blöd will die Autoindustrie die Menschen denn nach wie vor verkaufen? In welchem Paralleluniversum können Sie heute, Monate nach dem Auffliegen des Skandals, auch nur Ansätze von "Transparenz" erkennen?

Zu Betrügereien haben nicht "fehlende realistische Normen" geführt, sondern nur der Umstand, dass die entscheidenden Akteure Betrüger sind.

Ob die Herstellung von Akkus "so umweltfreundlich, wie wir das gerne hätten" gestaltet werden können, ist nicht die entscheidende Frage, sondern reines Gesülze. In Summe ist auch heute schon die Elektromobilität umweltfreundlicher als die Verwendung fossiler Ressourcen, und natürlich soll das weiter verbessert werden. Dass die Deutsche Autoindustrie den Zug verschlafen und jetzt in Hinblick auf Elektromobilität einen beträchtlichen Aufholbedarf hat, ist einzig und allein die Schuld ihrer Manager, die das verbockt haben.

Und die Impertinenz, ganz normale Kreuzfahrt- und Luftfahrtsunternehmen in einem Atemzug mit der Bande profesioneller Betrüger zu nennen, die diesen gewerbsmäßigen Betrug über Jahre hinweg durchgezogen haben, finde ich auch beeindruckend.

Für einen derart platten Lobbyismus, wie er in Ihrem Kommentar zum Ausdruck kommt, kann ich keinerlei Verständnis erübrigen.