Pflichtfach Wirtschaft? Nein!

Von Axel Reimann am 11. September 2017

In Baden-Württemberg hat der Unterricht im neuen Pflichtfach Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung (WBS) an allgemeinbildenden Schulen begonnen. Auch die Koalitionäre in NRW wollen die Ökonomie als eigenes Fach etablieren, damit der Nachwuchs endlich besser auf das echte Leben vorbereitet wird. Ein falscher Weg.

Donald Trump hat einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften. Ja, das ist der Businessman im Weißen Haus, der fast wöchentlich darauf hinweist, dass die Kurse an den Börsen vor allem wegen seiner Politik so toll sind.

Mit diesem plumpen Einstieg könnte man nun jede Diskussion um ein “Pflichtfach Wirtschaft in der Schule” sehr schnell beenden. Das wäre jedoch unfair, dem Fach und der Schule gegenüber, noch dazu mit einem häßlichen Induktionsproblem belastet, aber jeder versteht die Botschaft. Sie lautet: Du musst in Wirklichkeit nicht viel von Ökonomie verstehen, um ein Leben als Geschäftsmann zu leben und schließlich im Weißen Haus zu landen. Du musst nur den Eindruck erwecken können, als hättest du Ahnung.

Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass ökonomische Bildung ein unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung sei, so wichtig, dass er am besten verpflichtend in Lehrpläne und Schülerhirne gepflanzt werden sollte. Um Schülerinnen und Schüler optimaler vorzubereiten “auf eine selbstbestimmte Lebensgestaltung und einen erfolgreichen Berufseinstieg” (O-Ton Koalitionsvertrag NRW).

Gegen Selbstbestimmung und beruflichen Erfolg kann natürlich niemand sein. Deshalb haben auch die Koalitionäre in Nordrhein-Westfalen vereinbart, ein eigenes Schulfach Wirtschaft zu etablieren. In Baden-Württemberg ist man schon ein paar Schritte weiter: Hier hat mit dem neuen Schuljahr der erste Schülerjahrgang mit dem Pflichtfach WBS (“Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung”) begonnen, zunächst ab Klassenstufe 7.

“Endlich!”, sagen jetzt viele. Schon zu lange, so die Argumentation der Befürworter, friste die Wirtschaft in deutschen Schulen ein Schattendasein. Im besten Fall als Wahlfach oder nur in bestimmten Schultypen unterrichtet, meist aber im Verbund mit anderen Fächern wie Geographie, Geschichte, Politik, Gemeinschaftskunde oder gar Philosophie. Im föderalen Bildungsflickenteppich sei die Vermittlung ökonomischen Grundlagenwissens bisher völlig zufällig, außerdem abhängig von den Launen meist fachfremder – lies: wirtschaftskritischer – Lehrkräfte. Nur ein eigenständiges, verpflichtendes Schulfach Wirtschaft könne den Nachwuchs auf das echte Leben vorbereiten.

Die Forderung ist alt. Sie wird nicht sinnvoller, nur weil jetzt die ersten Bundesländer auf sie eingehen.

Richtig ist: Wir brauchen mehr ökonomische Bildung, viel mehr – aber wahrscheinlich zuletzt in den Schulen. Das Problem mit einem eigenständigen Pflichtfach Wirtschaft ist, dass es abfragbares (Halb-)Wissen und eine Schlagwort-Wolke von Finanz- und Berufsthemen mit ökonomischer Bildung verwechselt, Unternehmensschnupperstunden mit relevantem Praxiswissen. Im Idealfall wissen die so Beschulten, was ein Girokonto ist, wie man sich anständig bewirbt, worauf man bei der Geldanlage achten sollte, vielleicht sogar, was ein Hedgefonds ist oder eine Staatsanleihe. Und vielleicht müssen sie nach ihrer Schulzeit dann nicht mehr twittern, dass sie ”keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen” haben. Das ist alles wichtig und hilfreich. Man könnte das Fach gut “Erwachsenen-Propädeutikum” nennen – und als Kompakt-Workshop am Ende der Schulzeit durchführen. (Oder die Eltern für diese Aufgabe gewinnen.)

Ökonomische Bildung aber ist das nicht – vor allem ist es nichts, was als Pflichtunterricht unterrichtet werden müsste. Das liegt weder an den Lehrenden noch an den Lernenden, sondern an den phrasenhaften Ansprüchen an ein eigenes Fach Wirtschaft, dessen Inhalte die Apologeten selbst nur schemenhaft andeuten können: Da soll befähigt werden, “ökonomisch geprägte Lebenssituationen zu erkennen, zu bewältigen und zu gestalten”. Außerdem sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, ihre “Interessen in einer sich verändernden globalisierten Welt selbstbestimmt und selbstbewusst zu vertreten”.

Man will den Nachwuchs in die Lage versetzen, “in ökonomisch geprägten Lebenssituationen gemeinwohlorientiert auch die Interessen anderer zu berücksichtigen, den Wert der Zusammenarbeit zu erkennen und zugleich für sich und andere Verantwortung zu übernehmen” (Bildungsplan 2016, Baden-Württemberg, Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung). Und das alles in bis zu zwei Unterrichtsstunden pro Woche.

Heruntergebrochen werden diese hehren Ansprüche im Unterricht auf die Rollen, auf die es vorzubereiten gilt: Konsument, Geldanleger, Kreditnehmer, Erwerbstätiger, Versicherungsnehmer, Unternehmer, Steuerzahler, Leistungsempfänger. Alles praxisrelevant, hilfreich fürs Leben, genauso wie es eine Vorbereitung auf spätere Rollen als Lebenspartner, Vater, Mutter, Patient oder Verkehrsteilnehmer wäre. Aber – das mag jetzt viele Eltern (und Wirtschaftsvertreter) erschrecken – Praxisrelevanz ist vielleicht die dümmste Priorität, die man in der Schule haben kann. Einerseits weil die allgemeinbildende Schule per Definition nie praxisrelevant sein kann, sondern im besten Fall ein Versuchs- und Entdeckungsraum sein sollte, unabhängig von schwankenden Nützlichkeitserwägungen.

Zum Zweiten hat Praxiswissen inzwischen eine immer kürzere Halbwertszeit: Im Zweifel ist es sinnvoller, in der Schule etwas über Sophismen und Gerechtigkeitstheorien zu erfahren als über Online-Banking und Bewerbungsstrategien. In the long run trägt das mehr zur ökonomischen Bildung bei als ein atemloses Vorbereiten auf das „echte Leben”. Mit Steuern, Mietverträgen, Girokonten und Handy-Käufen werden wir später die ganze Zeit konfrontiert – mit dem anderen nicht. Das “Andere” aber, die Grundlagen der Logik zum Beispiel oder der Philosophie, sind die Voraussetzungen, um “Wirtschaft” zu verstehen – und um später nicht auf jedes ökonomische Scheinargument hereinzufallen.

Nein, es ist nicht die Gefahr der Indoktrination, die durch ein Pflichtfach Wirtschaft an den Schulen droht. Die ist trotz engagierter Lobbyarbeit wirtschaftsnaher Verbände nicht so groß, wie manche Gewerkschaftler und Pädagogen befürchten. Zumindest nicht größer als außerhalb der Schule. Die eigentliche Gefahr ist eine andere: Es ist die populistische Kurzsichtigkeit, mit der Praxisrelevanz und Berufsorientierung in den Fächerkanon geimpft werden sollen. Um Schülerinnen und Schüler fit zu machen für den Markt. Man könnte auf den Verdacht kommen, dass es dabei gar nicht um ökonomische Bildung geht.

Axel Reimann ist freier Autor in Hamburg. Zuletzt erschien von ihm die satirische Ökonomie-Einführung “Goatonomics”.

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