Zeigt der AfD die Zähne

Von Volker Warkentin am 12. September 2017

Der so gut wie sichere Einzug der AfD in den Bundestag bedeutet einen Kulturbruch. Die anderen Parteien müssen den Rechten von Anfang an klare Kante zeigen, auch wenn sie ihnen damit vielleicht in die Hände spielen.

Der Kulturbruch könnte die Ausmaße der Studenten-, Frauen- und Jugendrevolte von 1968 weit übertreffen. Die AfD will die damals erkämpften Freiheiten beseitigen und einen autoritären Staat begründen. Daran ändert auch das bürgerliche Aushängeschild Alice Weidel nichts, zumal sie im Verdacht steht, unter dem Mantel der Anständigkeit eine knallharte Rassistin und Demokratiefeindin zu sein. Weidel und Co-Spitzenkandidat Alexander Gauland haben sich längst um den Ruf gebracht, honorige Konservative zu sein.

Weidel und Gauland agieren nach dem Grundsatz: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“ Nach ihren Vorstellungen soll mit dem Einzug der AfD in den Bundestag der Marsch in eine andere Republik beginnen. Für die Verbreitung ihrer Hass-Parolen ist das Plenum des Bundestags eine ideale Plattform. Das ist eine schwer erträgliche Vorstellung.

Kaum auszuhalten ist auch, dass künftig Rechtsextremisten, Rassisten, Neo-Nazis, Verschwörungs-Theoretiker und Europa-Feinde Sitz und Stimme im Bundestag haben werden. Einen Vorgeschmack darauf bieten erschreckende Bilder von Protesten wild gewordener Spießbürger gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die oft von AfD-Funktionären und -Bundestagskandidaten angefeuerten Schreihälse haben den demokratischen Konsens über das Ringen um Problemlösungen längst aufgekündigt.

Diesen Konsens müssen die anderen im Bundestag vertretenen Parteien vehement verteidigen. Der Schulterschluss muss von der Linken bis zur CSU reichen. Für Konservative aus Bayern ist es sicherlich eine Zumutung, mit Leuten wie Sarah Wagenknecht gemeinsame Sache zu machen. Aber die Lage erfordert es, der AfD von Anfang an klare Grenzen zu setzen und nicht die kleinste Provokation zu dulden.

Für die AfD dürfte es ein gefundenes Fressen sein, eine vermeintliche Verschwörung von Alt-Parteien und Mainstreammedien gegen vermeintlich nationale Interessen zu geißeln. Dieses Risiko müssen die anderen Parteien aber eingehen, weil es mit dem Ruf „Wehret den Anfängen“ nicht getan ist. Die AfD hat ihre Anfangsphase schon lange hinter sich. Die wehrhafte Demokratie muss ihre Zähne zeigen und notfalls auch zubeißen. Noch ist es nicht zu spät, den Aufstieg der AfD zu stoppen.

Volker Warkentin ist Autor in Berlin. Seine Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint dienstags.

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Friedrich -Wilhelm am 7. Oktober 2017

wie sollen die altparteien klare kante zeigen, wenn sie gar keine kanten haben?!

H.H. Linder am 15. Oktober 2017

Hallo Schreihalz Warkentin,

Sie sollten sich Mal -

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