Warum Martin Schulz der richtige war und doch abstürzte

Von Stefan Tillmann am 4. Oktober 2017

Alle reden über den SPD-Chef, aber kaum jemand über die Gründe für den Absturz. Die SPD und damit auch Schulz machten fatale strategische Fehler. Dabei war die Ausgangslage perfekt.

Ist Martin Schulz als SPD-Parteichef noch tragbar, fragen sich viele nach der Wahlniederlage, und nach der großen Spiegel-Titelgeschichte, bei der Reporter Markus Feldenkirchen Schulz sehr lange begleitete. Die entscheidende Frage ist aber eine andere, und die bleibt weitestgehend unbeantwortet: Warum genau erfolgte dieser Absturz in den Umfragen? Schulz und sein Team wunderten sich erst über den Hype, dann über den Absturz, Schulz sagt in der Geschichte: „Ich stehe vor einem Rätsel“ und „Wenn ich nur wüsste, was ich falsch gemacht habe?“ Es sind letztlich die entscheidenden Sätze, denn so ehrenwert es war, dass Schulz sich öffnete, so deutlich zeigt sich, dass er und sein Team überhaupt keine Strategie für den Wahlkampf hatten. Sonst wäre er womöglich der nächste Kanzler.

Denn: Der Hype kam zwar mit großer Wucht, ließ sich aber gut erklären. Schulz war der richtige SPD-Mann zur richtigen Zeit und der perfekte Gegenkandidat zur kühlen Machtpolitikerin Merkel. Alkohol, Arbeit, Aufstieg, die perfekte Erzählung, ein Buchhändler ohne Abitur, ein Familienmensch aus der Mitte der Gesellschaft. Plötzlich waren sie alle wieder da, die die durchakademisierte SPD über die Jahre verloren hatte: die Krankenschwestern, die Handwerker, die Verkäufer. Plötzlich war da wieder einer von ihnen. Dass Schulz jahrelang Präsident des Europäischen Parlaments war, verlieh ihm obendrein etwas Staatsmännisches, was Sigmar Gabriel nie haben wird.

All das ist bekannt, und auch der Feldenkirchen schreibt das. Es wird aber gerne vergessen, und das ist das eigentlich Interessante, dass zum Beginn der Kandidatur auch die SPD in einer dankbaren Ausgangslage war. Sie hat sie nur überhaupt nicht genutzt. Die SPD hatte in der Großen Koalition einiges durchgesetzt, wesentliche Reformen wie den Mindestlohn und die Rente mit 63 – und diese bedienten die Kernwählerschaft. Am Ende der Legislaturperiode stand Deutschland wirtschaftlich gut da, auch dank der Union und der SPD.

Die CDU begnügte sich – verständlicherweise – mit der großen Zufriedenheit, ohne wirklich ihren Beitrag zum Erfolg erzählen zu können. Die SPD aber hätte wissen müssen, dass die objektiven Zahlen in Deutschland zwar gut sind, Umfragen aber eine tiefe Verunsicherung zeigen. Sie hätte Themen aufgreifen können, die die Menschen beschäftigen und die vielfach ebenfalls klassische SPD-Themen sind: Die Menschen sorgen sich um den alternden Sozialstaat, haben Abstiegsängste, viele Städte veröden und vergreisen, Zuwanderung und neue Armut belasten vor allem einfache Stadtteile, und ganz allgemein wächst die Distanz zwischen Politik und Bevölkerung. Bei all den Themen hätte Schulz, der Newcomer, gegen Merkel punkten können, ohne die SPD zu vergraulen.

Die SPD hätte sich als „Motor für ein besseres Deutschland“ stilisieren können, überhaupt hätte „Deutschland besser machen“ als Slogan sehr gut zu einem kleinen Koalitionspartner gepasst. Im Wahlkampf hätte man den Spruch entlang der SPD-Geschichte erzählen können: vom Frauenwahlrecht bis zum Mindestlohn. Und Schulz wäre der Mann aus der Mitte, der die nächsten Reformen vorantreibt, während Merkel nur wartet.

Stattdessen ernannte Schulz, der bewusst lange nicht konkret werden wollte, die fehlende Gerechtigkeit als zentrales Thema. Er erzählte die Geschichten von den bösen Managern und den armen Menschen am Fließband. Ein uraltes Thema, das nicht besser dadurch wird, dass die SPD schon seit Ewigkeiten in der Regierung ist. Vermutlich dachten sie mit diesem SPD-Kernthema nichts falsch machen zu können, aber das taten sie: Sie trafen keinen Nerv. Zum einen stellt sich jeder etwas anderes darunter vor, zudem ist es offenbar nicht das Thema der Zeit: Den Menschen geht es aktuell gut, sie machen sich aber Sorgen um die Zukunft.

Nachdem Schulz immer wieder daran erinnert wurde, dass es Deutschland ja doch hervorragend gehe, schwenkte er um, wer weiß, ob dahinter ein Plan stand. Fortan räumte er quasi ein, dass es Deutschland bestens dastehe, er bedankte sich bei den hart arbeitenden Menschen und mahnte, es könne Deutschland aber noch viel besser gehen. Es klang wie ein Lob an Merkel mit dem Verweis, dass er es eventuell noch besser würde.

Dann, auch das lässt „Der Spiegel“ außen vor, kam die Werbekampagne. Sprüche, die man sich nicht merken konnte, Themen, die nicht zwingend wirkten. Man denke an die Krankenschwester, die gewissermaßen der Fixpunkt der SPD sein sollte: harte Arbeit, wenig Geld, mitten im Leben. Und dann liest sie Zahlen über ein Gender-Pay-Gap, bei denen sie nicht wissen kann, ob sie stimmen, Forderungen nach kostenlosen Kitas auch für Besserverdiener oder ein Rückkehrrecht in Vollzeit, das viele gar nicht in Anspruch nehmen wollen.

Für den ungewöhnlichsten Kandidaten, den die SPD seit langem hatte, hatten sie die gewöhnlichste und ödeste Kampagne. Es scheint tatsächlich keine Idee für eine Erzählung vorhanden gewesen zu sein. Oder kein Gespür für die Themen, die die Menschen bewegt. In einer Rede wollte Martin Schulz, so schreibt es „Der Spiegel“, mit der Forderung nach den „Vereinigten Staaten von Europa“ formulieren, offenbar ohne zu wissen, dass man mit dieser akademischen Idee der Nullerjahre heutzutage nicht mehr punktet, erst recht nicht bei der Krankenschwester. Und so taumelt Schulz durch den Wahlkampf, testet etwas wahllos Themen und schaut fatalistisch auf die Umfrageergebnisse, ohne eine stringente Strategie zu verfolgen. Das kann man nicht unbedingt nur ihm anlasten, aber am Ende ist der Spitzenkandidat auch für sein Team verantwortlich – und ist schlecht beraten, seine Berater verantwortlich zu machen…

Es ist aus SPD-Sicht ein Jammer, denn ein Trumpf lag die ganze Zeit zum Greifen nah: Schulz‘ Ehefrau Inge. Feldenkirchen beschreibt an mehreren Stellen, wie intensiv und auch liebenswert er sich mit seiner Frau austauscht. Warum gab es keine große Homestory? War er es nach all den Berichten über seine frühere Alkoholsucht leid? Warum kennt man seine Kinder nicht? Weil er das nicht wollte? Vielleicht, aber wenn man Kanzler werden will, muss man eben auch Opfer bringen. Schulz brachte sein eigenes Opfer, indem er sich für die „Spiegel“-Story öffnete, allerdings unter der Bedingung, dass die Geschichte erst nach der Wahl veröffentlich werden dürfe. Es ist aller Ehren wert, dass Schulz das mitgemacht hat. Er wird sich gedacht haben, dass er nicht viel zu verlieren hat: Verliert er die Wahl, ist es das Protokoll eines Kämpfers, gewinnt er, ist es eine Erfolgsgeschichte.

Aber warum wählte er die Sicherheitsvariante, die keinen Einfluss auf die Wahl haben würde? Warum nutzte er es nicht noch offensiver? Schulz, der im Wahlkampf mit voller Offenheit gegenüber der verschlossenen Merkel hätte punkten können, hätte gleich komplett den Spiegel ins Boot nehmen sollen: Spiegel TV, Spiegel Online plus Print. Jeden Tag live aus dem Wahlkampf, Politik hautnah, die Geschichte eines ganz normalen Menschen, der Bundeskanzler werden will. Das sind schließlich die Momente, in denen Schulz punktet. Es sind nicht die stillen, in denen er nachdenken muss oder auf Antworten seiner Berater wartet.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, ist Chefredakteur und zweiter Geschäftsführer der Berliner Stadtmagazine tip Berlin und ZITTY. Gerade ist er in Elternzeit. Er hatte immer gehofft, dass Schulz kandidiert, hat ihn aber nicht gewählt

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Friedrich - Wilhelm am 6. Oktober 2017

über schulz ist zu sagen, daß er sich keine meriten erwarb in brüssel daß er als roter raffzahn 2 fahrer und eine ganze menge bedienstete hatte, die von einem echten butler geführt wurden daß er seinem kumpel junker den tort einer untersuchung dessen luxemburger steueraffäre ersparte. daß er einer der zahlreichen spd - parteivorsitzenden war, die die partei in den abgrund führten und führen. daß er mit seinem beispiel der jugend vermittelt, daß man auch aus dem absturz noch zumindest eu - psarlamentspräsident werden kann.
für einen, dessen verwandte ehrenbürger sind und waren, wie mich ist er daher persona non grata!!!
best regards von einem, der, wenn es schlimmer kommt, ganz schnell aus seinem vaterland mit kind und kegel verschwinden wird. der fluchtpunkt ist schon eingerichtet.

best regards

dr.fwbecker, cambridge/mas.