Reden wir mal wieder über die „MeToo“-Opfer

Von Sebastian Grundke am 13. Februar 2018

Die Debatte über sexuelle Belästigung läuft inzwischen in die falsche Richtung. Nicht Kunstfreiheit oder neuer Puritanismus sind die Themen. Thema müssen immer noch die Betroffenen sein.

Langsam ebbt die „MeToo“-Debatte ab, und es stellt sich das ein, was wir als Normalität kennen. Das ist an zweierlei erkenntlich: Erstens daran, dass in den Medien vor einer neuen puritanischen Sexualmoral gewarnt wird. Zweitens daran, dass öffentlich festgestellt wird, dass auch in Kunstwerken sexistische Darstellungen vorkommen. Das eine sollte nicht mit allzu eifriger Verfolgung der Täter befeuert, das andere nicht aus Sorge um unser kulturelles Erbe verboten werden. So lautet der Tenor. Die Debatte über Kindesmissbrauch in Deutschland verlief am Ende ähnlich: Sie endete mit einer Warnung vor drohendem Puritanismus, vor Prüderie und Zensur.

Bemerkenswert ist, dass die Debatten in sich zusammenbrachen, als es um die Konsequenzen ging. Die müssten eigentlich juristisch und sozialpolitisch ausschauen: Die Rechte der Opfer müssten gestärkt, Anlaufstellen für Betroffene unterstützt werden. Nur so können Aufarbeitung und Vorbeugung gelingen, können Täter früher überführt und zur Rechenschaft gezogen werden. Doch stattdessen beginnen wir uns um Kunstfreiheit und sexuelle Freiheit zu sorgen – zwei Dinge, die nichts mit sexuellem Missbrauch zu tun haben. Man könnte genauso gut über das Wetter reden.

Als wären Kunst und liberale Sexualmoral bevorzugte Rückzugsorte für Pädophile und Sexualstraftäter. Das ist so naheliegend wie zu behaupten, dass die Erde eine Scheibe sei. Das dachte man vielleicht mal. Und vielleicht glaubten manche es auch so stark, dass es praktisch wahr war. Genauso wenig sind Puritanismus und Zensur die Lösung. Um es noch klarer zu sagen: Weder Kunstfreiheit noch liberale Sexualmoral müssen gegen die Opfer von Missbrauch und ihre Fürsprecher verteidigt werden. Dennoch geschieht es.

Die tatsächlichen Rückzugsorte der Täter wiederum sind ganz andere. Sofern es solche Rückzugsorte gibt: Nicht Museen, sondern das Internet, nicht liberale Sexualmoral, sondern konservative, patriarchalische Machtverhältnisse sind die Böden, auf denen derlei gedeiht.

Doch auch diese Erkenntnis lenkt von dem Problem ab: Wir tun gerne so, als müssten wir nur einiger Täter habhaft werden. Danach wird jeder Skandal zu einem öffentlichen Schauspiel, dass als gesellschaftliches Großreinemachen daherkommt, an dessen Ende die Erkenntnis steht: Wir haben selbst in die unwahrscheinlichsten Winkel geschaut und selbst fundamentale Werte unserer Gesellschaft infrage gestellt, beinahe wäre es zum Bildersturm gekommen – mehr geht nicht, also weiter so.

Das ist Quatsch. Es ist Apologetik, die mit historischen Wurzeln spielt, ohne ihnen gerecht zu werden. Es lenkt von den Opfern ab. Sie sind zahlreicher als die Täter. Sie müssen mit den Konsequenzen der Taten leben und leiden unter ihnen. Ihnen müssen wir helfen. Nur wer ihnen zuhört, kann verstehen, wie Missbrauch vor sich geht und welche perfiden Machtstrukturen ihn begünstigen. Das ist der erste Schritt, um zukünftigen Fällen vorzubeugen.

Stattdessen beginnen wir, wegzuschauen und zu schweigen und über etwas anders zu sprechen. Im Falle der „MeToo“-Debatte trägt dazu auch der offene Brief bei, den eine Gruppe Frauen in der französischen Zeitung „Le Monde“ veröffentlicht hat. Sie plädieren für eine Grenzziehung, die sexistische Annährungsversuche von Männern gegenüber Frauen toleriert und prangern gleichzeitig eine Art puritanische Hexenjagd an, der Männer nun ausgesetzt seien.

Der Brief wirft für die meisten Menschen befremdliche Fragen auf: Sind sexistische Annäherungsversuche so sehr üblich im Showgeschäft? Muss man diese wirklich in Kauf nehmen, damit unser Sexualleben nicht eingeschränkt wird, wie es der Brief fürchtet? Die Antwort auf die erste Frage haben die 100 Verfasserinnen selbst gegeben. Die Antwort auf die zweite Frage muss nein lauten, auch wenn die Verfasserinnen das nicht wollen. Nur so kommen wir zu einem Umgang zwischen den Geschlechtern, der ohne verletzende Anmache auskommt. Denn die kann niemand wollen, weder Frauen noch Männer.

Das Plädoyer für die Galanterie, welches in dem Brief geführt wird, ist herablassend. Man kann es als ein doppelbödiges Schlusswort der Debatte lesen, das vor Puritanismus warnt. Dessen Ende kennzeichnete historisch die Rückkehr des Adels in Nordeuropa – steht bei Wikipedia. Besser ist, die Passage des Briefes ernst zu nehmen: Erstens ist der Begriff mindestens vierhundert Jahre alt. Er diente dazu, das Werben von Adeligen von jenem des Pöbels abzugrenzen. Der Brief unterstellt so, dass alles Nicht-Galante quasi pöbeliges Werben ist und deshalb anrüchig, erlaubt dies aber freundlicherweise im selben Atemzug.

Dabei ist, zweitens, Werben ohne Galanterie möglich, ohne dass es verletzend oder übergriffig ist. Es kann vielmehr sehr respektvoll sein. Wer dies wie die Verfasserinnen des Briefes nicht einsehen will, möchte vor allem eins: Weniger geeignete Männer von vornherein herabsetzen. Wer zudem übergriffige und verletzende Anmache nicht von verunglückter oder erfolgloser Annäherung unterscheidet und erstere zudem toleriert, will ein Stück Erpressungspotential für die Frauen in einer von Männern dominierten Welt erhalten. Er tut damit en passant jedem Opfer von Übergriffen und Sexismus unrecht. Das muss nicht sein. Schon gar nicht müssen dafür die Männer als vermeintlich arme Opfer einer in Wahrheit überfälligen Kampagne ins Feld geführt werden. Doch genau das tut der offene Brief. Er sieht in dem Bemühen vieler, Missbrauch und Übergriffe einzudämmen und zur Sprache zu bringen, die Rückkehr religiösen Eifers vergangener Jahrhunderte.

In einem Museum in Manchester wurde kürzlich ein Bild abgehängt und dann wieder aufgehängt, dessen Message zu sein schien: „Die Frauen wollen es doch auch, sie spielen doch mit ihren Reizen und verführen uns Männer erst zu unserer blinden Geilheit“. Das hatte natürlich ein Mann gemalt. So viel perfide Täter-Opfer-Umkehr bekommen Frauen zwar auch hin. Aber sie hängen damit selten im Museum. Mit der Aktion wurde die „MeToo“-Debatte befeuert, die Auseinandersetzung war sogar Teil des Vorgehens des Museums. Das hielt Besucher dazu an, quasi Denkzettel mit ihrer Meinung zum Thema dorthin zu hängen, wo zuvor das Bild hing.

Es ist nicht verkehrt, daran zu erinnern, dass viele Kunstwerke ziemlich pornös und sexistisch sind. Auch signalisiert die Aktion ein gewisses Verständnis für die Opfer und fordert zur Auseinandersetzung mit Geschichte auf. Das machen Museen eben. Schränkt das die Kunstfreiheit ein? Natürlich nicht, es lotet sie vielmehr aus: Ist das ein puritanischer Bildersturm? Nö, ein kontrolliertes kuratorisches Experiment!

Wer ehrlich mit sich selbst ist, wird wissen – egal, ob Mann oder Frau –, dass jede verunglückte Annährung peinlich und schambesetzt ist. Umso mehr, wenn sie aggressiv und verletzend war. Von diesen Gefühlen weniger im Verhältnis der Geschlechter zu haben, wäre nicht verkehrt. Vor allem geht das, ohne Calvinist zu werden und später die Aristokratie erneut auszurufen. Man möchte den Verfasserinnen und selbsternannten Wächtern der Kunstfreiheit zu rufen: Unter euch katholischen Pfarrerstöchtern und Adels-Fans mag der Sexismus ja in Ordnung sein. Bei uns nicht. Wir leben in der Gegenwart und halten nichts davon, Aufarbeitung zu brandmarken und zu behindern.

Diese Erkenntnis taugt auch dazu, die Rolle der Männer näher zu beleuchten. Sie sind im Blick der Öffentlichkeit eher Täter, Frauen eher Opfer. Das ist jedem verständlich, der sich die Geschichte der Emanzipation anschaut. Denn das Machtgefälle verläuft in eine Richtung. Hinzu kommt, dass sich viele Verhaltensweisen losgelöst von tatsächlichen Machtverhältnissen festsetzen: als Verhaltensreflexe bei Männern wie bei Frauen.

Hier tut Selbstbewusstsein genauso gut wie der Mut, diese überkommenen Strukturen anzusprechen und sich ihnen entgegengesetzt zu verhalten. Wer das tut, wird schnell feststellen, dass manches Verhalten und manche Einschätzung der Lage der Geschlechter zueinander nicht die Realität widerspiegelt, sondern schlicht Klischees bedient. Das soll nicht heißen, dass die Emanzipation der Frau vollends an ihrem Ende, ihrem selbstgesteckten Ziel, angelangt ist. Nur tut es nicht gut, ihre Erfolge zu leugnen. Auch nicht, indem der Galanterie und seltsam gestrigen Vorstellungen von Werben und Flirt das Wort geredet wird. Man muss das als Teil der Geschichte oder einer vornehmen und bis heute lebendige Kultur begreifen. Vor allem sollte man derlei infrage stellen und Lehren für die Zukunft daraus ziehen.

Wer das nicht tut, biegt politisch rechts ab und hält an überkommenen, eingeschliffenen Verhaltensweisen und Verhältnissen von Männern und Frauen zueinander fest.

Das treibt krude politische Blüten: etwa die Bewegung der Mgtows, die der Alt-Right-Bewegung zugerechnet wird. Für diese reaktionäre gesellschaftliche Gruppe von Männern ist politisches Rechtsabbiegen eine Art Selbsterhaltungstrieb. Sie sehen sich als Opfer eines überbordenden linken Feminismus, der die Rechte und Probleme von Männern außer Acht lässt. Die 100 Verfasserinnen des Briefes um Catherine Deneuve sind mit demselben einen Schritt auf sie zugegangen, selbst rechts abgebogen. Das ist schlecht. Denn es gibt Männer als Opfer – von sexuellem Missbrauch, von Machtmissbrauch, von Übergriffen und häuslicher Gewalt. Sie verdienen eine Debatte über ihre Belange und Probleme genauso wie die Frauen.

Diese Diskussion stand im Zuge der „MeToo“-Debatte nicht im Zentrum, denn hier ist die Verteilung der Geschlechter auf Opfer und Täter wie sie ist. Männer waren die Täter, Frauen die Opfer. Das war in den Fällen so, an denen sich die Debatte entzündete. Sie muss aber auch mit Blick auf die Männer als Opfer geführt werden – und das nicht getrieben von dem Dünkel eines rechten Anti-Feminismus samt Sympathisanten. Denn derlei Themen brauchen ihre Berechtigung in einer ausgeruhten und gemäßigten politischen Diskussion. Das ist die gesellschaftliche Realität, in der wir längst leben. Puritanismus? War einmal.

Letztlich ist es egal, ob Leidtragende oder Täterin, ob Täter oder Leitragender: Die „MeToo“-Diskussion ist zu wichtig, um sie mit Argumenten aus der Geschichte Europas zu beenden. Die mögen mit zum Ritual der öffentlichen Meinungsbildung in Sachen Sexismus und Missbrauch gehören. Sie mögen auch Ausdruck der Hilflosigkeit derer sein, die nicht betroffen, weder Täter noch Opfer, sondern Bystander sind. Doch ein öffentliches Ritual kann sich ändern, wenn es genügend Leute ärgert oder anödet.

Es mag in der Welt der Reichen und Schönen sein, dass ein Schlusspunkt nötig ist. Doch das ist eine Welt, in der Männer viel Macht und noch mehr zu verlieren haben. Und in der die Verfasserinnen des Briefes mitzureden haben. Weil sie sich in eben jener Welt eine Mitsprache erarbeitet und erkämpft haben. Diese Welt sehen sie jetzt bedroht – und sie verteidigen sie mit Argumenten, die erneut in die falsche Richtung führen. Für den Großteil der Männer und Frauen sprechen sie nicht. Wer ist schon eine Größe im Showbusiness? Schon gar nicht sprechen sie für die Opfer von Missbrauch oder Übergriffen weltweit, für die „MeToo“ ein Meilenstein ist. Unausprechliches wird plötzlich laut. Das sollte so bleiben.

Sebastian Grundke ist Autor und freier Journalist in Hamburg.

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Franz Müller am 20. Februar 2018

Was für ein schrecklicher Quatsch. Der Beitrag reiht sich perfekt in diese puritanische Hexenjagd gegen Männer ein.

Es muss beim Verhältnis zwischen den Geschlechtern einen breiten Bereich geben, der ohne gestzliche Vorgaben auskommt. Was einer Frau durchaus gefällt, oder sie zumindest in keiner Weise stört, kann von einer anderen schon als "sexistische Anmache" empfunden werden. Und da muss Frau eben dann durch, mir waren auch manche "Anmachen" von der Seite von Frauen schon lästig, und ich habe auch schon viele Frauen kennengelernt, die erst einmal nein gesagt haben, aber sich in weiterer Folge sehr gerne vom Gegenteil überzeugen lassen haben..

Ein entscheidendes Problem der ganzen #metoo Bewegung ist, dass der "Schuldspruch" praktisch automatisch mit der Beschuldigung einhergeht. Kollektive Empörung ersetzt eine zivilisierte, unserem modernen Rechtsstaat adäquate, objektive Überprüfung des Sachverhalts. Und das vergiftet auf lange Sicht das Verhältnis zwischen den Geschlechtern weit schlimmer als jeder real existierende Sexismus.

Womit echte sexuelle Gewalt in keiner Weise bagatellisiert werden soll. Aber den hysterischen "der hat mich komisch angeschaut"-Mimöschen muss man deshalb auch nicht allzu viel Raum in der Diskussion geben.

TiffRoss am 25. Februar 2018

thanks for the tips, i would be panicky w/out having read this.