Die Hartz-IV-Bibel

Von Sebastian Grundke am 2. März 2018

Die 19 goldenen Gebote für den Umgang von Sozialleistungsempfängern mit ihrem Schicksal.

1. Wiegen nicht vergessen
Wer Hartz-IV empfängt, muss sparen. Dass bedeutet, dass nur die billigsten Lebensmittel eingekauft werden können. Streichen Sie gedanklich alles, was teurer ist als Aldi. Hören sie nicht auf Menschen, die anderer Meinung sind – insbesondere Grüne, Vegetarier, Veganer und andere Umweltschützer. Sie können es sich nicht leisten, auf dem Markt einzukaufen oder Lebensmittel zu essen, die ohne Massentierhaltung und Chemie produziert wurden. Sie werden trotzdem hungern, immer wieder. Manchmal werden Sie vor Hunger zittern, nicht schlafen können oder fast um den Verstand gebracht werden. Ihr Körper wird nach und nach lernen, dieses Gefühl in Apathie zu ertragen. An dieser Stelle wird es für Sie gefährlich, weil das Hungergefühl überlebenswichtig ist. Am besten, sie achten auf Ihr Gewicht. Es sollte höchstens kurzzeitig unter ihrem Mindestgewicht liegen, welches sie leicht mit einer Webapplikation anhand ihrer Körpergröße und ihres Geschlechts herausfinden können. Kaufen Sie sich für regelmäßige Kontrollen eine gebrauchte Personenwaage. Zögern Sie nicht, Freunde um kleinere Beträge anzupumpen, um wenigsten einmal in der Woche warm zu essen.

2. Der Kinderschänder-Trick
Als erstes wird das Amt versuchen, ihnen ihre Wohnung wegzunehmen. Denn egal, wie bescheiden oder gar armselig sie wohnen, in den Augen des Amtes geht es immer noch schlechter. Sie werden also dazu verpflichtet werden, sich eine billigere Bleibe zu suchen. Diese Versuche müssen Sie nachweisen. Da das komplett sinnlos ist, weil auf dem Wohnungsmarkt ihrer Heimat das einzig preiswertere ein Lager unter der Brücke ist, dass Amt dies aber freilich nicht einsieht, gehen Sie so vor: Schreiben Sie über gängige Online-Immobilienmärkte die Anbieter von Wohnungen oder Zimmern an und weisen Sie in den Anschreiben auf Ihren Hartz-IV-Bezug hin. Bitten Sie außerdem um eine schriftliche Bestätigung Ihrer Bemühungen. Sie werden sie teilweise bekommen, nie jedoch eine Wohnung. Hier kommt Ihnen das Stigma der Arbeitslosen als faules und dreckiges Pack mit etwas Glück zugute und sie können dort wohnen bleiben, wo sie sind. Auch, wenn es ein wenig so ist, als würden sie von Tür zu Tür gehen und sagen: Guten Tag, ich bin ein Kinderschänder und möchte nebenan einziehen. Finger weg des Weiteren von genossenschaftlichen Wohnungen, deren Träger sich Soziales auf die Fahnen geschrieben haben. Diese Wohnungen sind in vielen Fällen so mit giftigem Schimmel befallen, dass sie genauso gut mit harten Drogen anfangen könnten.

3. Klare Schuldfrage
Die Ämter, mit denen Sie zu tun haben, spielen für gewöhnlich ein einfaches Spiel. Das lautet: Der Hartzer ist schuld. Wenn das Amt Unterlagen verschlampt, seine Bearbeitungszeiten Äonen gleichen oder es einfach irgendwelche Vorwürfe erfindet, um Ihnen selbst das Überlebensnotwendigste streitig zu machen, rufen Sie sich dies in Erinnerung: Die Beamten werden das Recht beugen oder verdrehen und teilweise brechen, Sie schikanieren und beleidigen und es hinterher leugnen und Ihnen dafür die Schuld geben. Vorsicht: Sie können und sollten das im Gegenzug nicht ebenfalls tun. Machen Sie sich klar: Das Amt ist zukünftig ihr Gott oder ihr Großer Vorsitzender oder ihr Führer – je nach politischer Orientierung Ihres Sachbearbeiters -, und Sie müssen dessen Zorn und Wut und Hass laufend ertragen, weil Sie, der Hartzer, schließlich an allem Schuld sind. Das ist selbst dann der Fall, wenn sie sich buchstabengetreu an das Gesetz halten und alle Unterlagen fristgerecht einreichen und wahrheitsgemäß ausfüllen. Rufen Sie sich dies immer wieder in Erinnerung, sie werden sonst vor lauter Hass und Missgunst, die Ihnen entgegenschlagen, den Verstand verlieren oder zumindest an ihm zweifeln. Machen Sie im Zweifel klar, dass Sie Teil eines perfiden Spiels sind, das Politik und die Behörden erfunden haben – in dem Glauben oder der Annahme, damit den Menschen etwas Gutes zu tun. Diese Ignoranz und Arroganz und Gier sind nicht ihre Schuld, sie sind nur der Leidtragende dessen. Diese Haltung schützt Sie davor, das ganze Unrecht als unabänderlich zu akzeptieren oder für richtig zu halten. Sie werden ansonst daran zerbrechen.

4. Wo ist denn hier der Rechtsstaat?
Es hat an Gängeleien, Rechtsbrüchen, himmelschreienden Ungerechtigkeiten und schlicht Schweinereien gegenüber Hartz-IV-Empfängern schon mehr gegeben, als in zehn Internetdiskussionsforen passt. Die Beamten sind mächtiger, sitzen am längeren Hebel und werden diese Macht wenn möglich zum Nachteil der Bürger ausnutzen. Das ist Alltag in Deutschland. Vergessen Sie also alles, was sie über den Rechtsstaat zu wissen glauben. Für sie gilt er ab sofort nicht, sie sind in den Augen der Beamten nur noch eine Bearbeitungsnummer, kein Mensch oder Bürger mehr. Wenn Sie dabei nicht vollends unter die Räder kommen wollen, nehmen Sie sich einen Rechtsbeistand, wenn es irgendwie geht. Anders werden Sie die Zeit als Hartz-IV-Empfänger nicht oder nicht ohne größere Schäden überleben.

5. Der Schlussmach-Aspekt
Wenn der Papierkrieg um ihre Rechte als Bürger dieses schönen Landes Sie mal wieder so fertig macht, dass sie sich spontan einem Selbstmordpakt anschließen möchten: Rufen Sie die Telefonseelsorge an! Die ist umsonst. Die Seelsorge ist stark christlich orientiert und mit Ehrenämtlern besetzt und vertritt wissenschaftlich oder psychologisch gesehen teilweise sicherlich Standpunkte, die Ihnen fragwürdig erscheinen, sofern sie nicht stark an Jesus glauben. Immerhin sind die Menschen am anderen Ende der Leitung aber bemüht, Ihnen zu helfen, Rat zu geben oder zumindest zuzuhören. Nehmen Sie diesen Service deshalb regelmäßig in Anspruch. Er ist die einzige psychologische Hilfe, die Sie kriegen werden. Selbst, wenn Sie dann stundenlang in der Leitung hängen: Niemand anderes wird Ihnen zuhören, wenn bei einem besonders existenzbedrohlichem Bescheid mal wieder der zuständige Sachbearbeiter vergessen hat, sein Kürzel anzugeben. Dann könnte man ihn ja verantwortlich machen, das wäre ja noch schöner!

6. Verständnisse und Missverständnisse
Der Großteil der Freunde und ihrer Familie wird sich vermutlich von Ihnen abwenden. Sie werden sich unverstanden und ausgestoßen fühlen – und genau das sind Sie auch! Machen Sie den Menschen daraus keinen Vorwurf. Hartz IV versteht nur, wer es am eigenen Leibe erfahren hat, jeder andere hat bestenfalls gut reden. Erwarten Sie insbesondere von Menschen, die Karriere gemacht haben und gut verdienen, von Politikern und jedweden Beamten keinerlei Verständnis. Sie werden schlicht auf eine Haltung des Leugnens treffen – ganz nach dem Motto: Das darf nicht sein, also kann es nicht sein. Rechnen sie des Weiteren damit, dass man Ihnen selbst dann kaum Glauben schenken wird, wenn sie Gängeleien oder Unrecht belegen können.

7. Lohn und Mafia
Wenn Sie die Möglichkeit haben, stocken Sie auf. Hartz IV reicht nicht zum Leben, und wenn Sie nebenbei nicht arbeiten, werden sie schlicht verhungern oder erfrieren. Die meisten Jobs, die Sie werden annehmen können, werden miserabel bezahlt sein. Und der Staat wird für die Vermittlung solcher Stellen sogar noch Geld bezahlen. Tatsächlich gibt es für Sie als Hartzer keine andere Alternative, wenn Sie sich nicht für eine kriminelle Laufbahn entscheiden wollen. Und das sollten Sie lieber bleiben lassen. Versuchen Sie stattdessen, Mut und Ausgleich in ihrer Freizeit zu finden und sich Momente zu schaffen, in denen Sie ihr Los vergessen können.

8. Promillegrenzen
Finger weg vom Alkohol! Sie werden vermutlich anfangen, mehr zu trinken als vorher. Drogen helfen beim Vergessen, und Ihr Leben ist als Hartzer so hart an der Obdachlosigkeit, dass Sie versucht sein mögen, sich im Suff Hilfe zu suchen. Lassen Sie das, das ist keine Lösung. Am besten, Sie meiden Kneipen und haben nie Alkohol im Haus. Vergessen Sie außerdem nicht: In den Augen der Welt sind Sie ohnehin ein versoffener Versager, der zurecht keinen Job hat. Verleihen Sie diesem Klischee nicht unnötig Geltung.

9. Wenn Vater Staat verhütet
Vergessen Sie alles, was mit Familie zu tun hat. Sie werden keine Kinder ernähren können und werden ihnen keine Zukunft bieten können. Sie werden kein attraktiver Partner sein, und potentielle Partner werden sich angewidert bis desinteressiert von Ihnen abwenden. Wenn Sie eine Beziehung oder Ehe haben, wird diese vermutlich zerbrechen. Sollten Sie Kinder haben, werden diese bald auf Sie herabschauen oder den Kontakt zu Ihnen abbrechen. Es wird einige Zeit brauchen, aber finden Sie sich besser heute als morgen damit ab! Wenn es Ihnen Spaß macht, regen Sie sich darüber auf, dass Ihnen eine Familie von Staats wegen her letztlich verboten wurde.

10. Science Fiction
Leben Sie in den Tag hinein, schauen Sie nicht nach vorn. Da ist nichts, außer der nächsten Gemeinheit von Amts wegen, die nächste Gängelei, Demütigung oder Entrechtung. Wenn Sie daran laufend denken, werden Sie wahnsinnig. Machen Sie sich klar, dass sie keine Zukunft haben und gewöhnen Sie sich an den Gedanken. Sie können es mit Weiterbildungen und Wiedereingliederungsmaßnahmen versuchen, wenn Ihr Sachbearbeiter ihnen das Antragsformular aushändigt und es bearbeitet wird. Aber in den allermeisten Fällen werden Sie auch dadurch keinen einen Job finden. Sie können sich genauso gut ein krudes Hobby suchen: utopische Science-Fiction-Literatur lesen etwa.

11. Arbeit!
Sie werden hunderte Bewerbungen schreiben, Bewerbungsgespräche führen, zur Probe arbeiten und mit Glück vielleicht sogar eine Anstellung finden. Es ist jedoch äußert unwahrscheinlich, dass diese von Dauer sein wird. Als Hartzer ist Ihr Selbstbewusstsein von Papierkrieg, Gängeleien und sinnlosen Maßnahmen so zerstört, dass niemand sie dauerhaft anstellen wird. Außerdem können Personaler eins und eins zusammenzählen: Wenn sie sich zum dritten Mal auf eine Stelle beim selben Unternehmen bewerben, weil sie das Amt dazu zwingt, wissen die Personaler, was bei Ihnen Sache ist. Rechnen Sie damit, zur Probe arbeiten zu müssen und zwar unentgeltlich. Wenn sie eine Stelle bekommen, rechnen Sie damit, kurz vor Ablauf der Probezeit entlassen zu werden. Sie sind ab sofort billigste Arbeitskraft ohne nennenswerte Rechte, und Unternehmen werden das ausnutzen – oder sie gar nicht erst anstellen.

12. Handfeste Politik
Es gibt keine Partei, die sich für Sie einsetzt. Union und SPD haben den Hartz-IV-Wahnsinn verzapft und halten daran fest oder wollen ihn verschärfen. Die Linken sind bestenfalls für die Anhebung der Hartz-IV-Sätze um lachhafte Beträge. Die Grünen werden Ihnen erzählen, dass Sie sich gesünder ernähren sollten. Die Rechten werden versuchen, Ihnen eine krude Nazi-Ideologie als einzige wahre Alternative schmackhaft zu machen. Und die FDP? Wird vermutlich behaupten, dass jeder Arbeit findet, der arbeiten möchte. Sie können denen ja eine Bewerbung schicken. Im Ernst: Wenn Sie sich engagieren wollen, gründen Sie eine Selbsthilfegruppe oder stehen Sie anderen Betroffenen in Webforen zur Seite. Machen Sie ihre Meinung zum Thema aber nur nach reiflicher Überlegung mit Namen öffentlich, sie können sonst eventuell mit einer Gängelei als Racheakt von Amtswegen rechnen. Auch soll es schon vorgekommen sein, dass Hartz-IV-Empfänger, die den Mund aufgemacht haben, zusammengeschlagen wurden. Wägen Sie derlei deshalb wirklich gut ab, auch wenn Ihnen Ihr Leben kaum noch als solches erscheint. Machen Sie sich klar: Die Hartz-IV-Gesetze haben eine Art diktatorisch-bürokratischen Inselstaat im Staat geschaffen und Sie werden daran kaum etwas ändern. Sie können nur zuschauen, wie Politiker auf Kreuzfahrtschiffen vorbeifahren und winken, während Sie den Kopf schütteln.

13. Die Mauer auf der Hartzer-Insel
Selbst wenn Sie eine Arbeit gefunden haben, wird irgendwann die Endabrechnung des Staates kommen. Man wird plötzlich Geld von Ihnen zurück wollen, das Sie sich vorher mit viel Mühe erkämpft haben, um gerade noch so zu überleben. Meist immer dann, wenn gerade wieder eine Arbeitslosenstatistik durch ist. Denn vielen Ex-Hartzern bricht dies das Genick, der Hartz-IV-Inselstaat erhält sich so seine Einwohner, denn oft treibt es sie dann wieder in die Arme des Regelsatzes zurück, wenn nicht in den Selbstmord. Versuchen Sie, dies nicht zu zulassen. Rufen Sie die Telefonseelsorge an, holen Sie sich anwaltlichen Beistand. Sie haben gehungert, sich von vorne bis hinten verhohnepiepeln und ausnutzen lassen und haben jetzt vielleicht endlich einen Job gefunden. Lassen Sie sich ihr Leben nicht auf’s Neue zerstören, auch wenn das den Ämtern Spaß zu machen scheint.

14. Friede, Freude, Eierkuchenstatistik
Datenschutz gibt es immer dann, wenn er dem Amt nutzt. Vergessen Sie dieses Recht als allererstes. Unbefugte werden die Post öffnen, die sie beim Amt abgeben. Unterlagen werden verschlampt oder weggeworfen werden oder anderweitig abhanden kommen, wenn dadurch ihr Anspruch auf Unterstützung leidet. Die Ämter werden sich untereinander munter austauschen und dieses Wissen zu Ihrem Nachteil nutzen. Mehr noch: Die Beamten werden sogar falschen oder fehlerhaften Datensätzen mehr Glauben schenken als Unterlagen, die sie eingereicht haben. Schlimmstenfalls entsteht dadurch eine Scheinrealität, die dem Amt nutzt: Plötzlich sind sie kein Bedürftiger mehr und müssen hungern, weil das Amt der Ansicht ist, dass die Daten besagen, dass sie in irgendeiner fremden Stadt eine Arbeit aufgenommen haben – auch, wenn das schlicht erfunden ist. Wo die Info herkommt, ist dann natürlich nicht ersichtlich. Datenschutz eben. Vermutlich stehen in solchen Fällen die neuen Arbeitsmarktzahlen an. Schauen Sie nach, wann genau das ist: Sie können sich dann ein paar Konserven für diese Zeit in die Vorratskammer stellen, denn ihre Unterstützung wird ausgesetzt, bis Sie gegen Ihre vom Staat erfundene Identität vorgehen.

15. Interwas?
E-Mails und PDF-Formulare und Computer sind bei deutschen Ämtern genauso gängig wie andernorts auch. Aber vergessen Sie jede Art von Korrespondenz, die nicht auf Papier ausgedruckt und per Einschreiben eingereicht wurde. Sie wird kaum akzeptiert werden und wenn, dann müssen Sie dies als wohlwollend auslegen: Die telefonische Hotline ist eine Abwimmelungszentrale, bei der man froh sein muss, nicht beschimpft oder für dumm verkauft zu werden, E-Mails werden meist nicht beantwortet. Machen Sie sich klar, dass sie als Hartz-IV-Empfänger in einer Art vordigitalem Zeitalter leben, in dem selbst die Papierform nur so lange rechtlich wasserdicht ist, wie es dem Amt kommod erscheint. Sie können es ja mal mit Morsezeichen, Rauchzeichen oder Brieftauben versuchen und damit kommunikatorisch Neuland betreten.

16. Formularlos
Zuschüsse existieren nur auf dem Papier. Sie werden ihren Arbeitsvermittler noch so oft um eine Weiterbildung oder einen Zuschuss für die Fahrt zum Bewerbungsgespräch bitten können, er wird Ihnen das entsprechende Formular nicht oder nur im Schaltjahr aushändigen. Schon gar nicht wird er derlei rechtzeitig genehmigen. Sorgen Sie dafür, dass Sie bei Bewerbungsgesprächen mit längerer Anfahrt die Übernahme der Fahrtkosten von der einladenden Firma schriftlich zugesichert bekommen. Und rechnen Sie damit, dass Sie diese dennoch in manchen Fällen nicht oder nur sehr spät erstattet bekommen. Andernfalls werden Sie mehr als nötig hungern und frieren. Weiterbildungen wiederum sind teuer und werden nur in sehr seltenen Ausnahmen genehmigt. Denn bei der Erwähnung des Wortes im Zusammenhang mit einem Antragsformular leiden Sachbearbeiter regelmäßig unter akuten Symptomen – meist eine wenig erforschte Art des Hörsturzes. Machen Sie sich nicht viel daraus. Ihre Chancen auf eine neue Anstellung steigen durch das, was das Amt manchem Bildungsträger mit Steuergeldern teuer abkauft, ohnehin kaum.

17. Gerechtigkeitsdingsbums
Das Wort Gerechtigkeit können Sie aus Ihrem Wortschatz streichen. Wenige Monate Hartz-IV reichen aus, um jedes Vertrauen in den Rechtsstaat tief zu erschüttern. Selbst wenn Sie es irgendwann schaffen, Ihrem Schicksal zu entrinnen, wird die Zeit als Hartz-IV-Empfänger tiefe Wunden hinterlassen haben, die so schnell nicht heilen. Egal, ob eine Wirtschaftskrise, ein sorgloser Unternehmenslenker oder Mobbing am Arbeitsplatz für Ihren Jobverlust verantwortlich waren: Man wird Ihnen dafür immer die Schuld geben, und Sie werden sich immer dafür verantworten müssen, eine Zeit lang keine Arbeit gehabt zu haben. Das ist natürlich ungerecht. Freunden Sie sich damit an, dass ihr zukünftiges Leben von dieser Erfahrung geprägt sein wird – in etwa so, wie eine Krebserkrankung, ein schlimmer Unfall oder der Tod eines nahen Verwandten das Leben anderer Menschen prägt. Der Unterschied ist, dass Sie nicht mit Mitleid rechnen können.

18. Reichsbürger und Lagerbosse
Auch unter deutschen Beamten gibt es solche und solche. Rechnen Sie damit, dass manche nicht einmal Ihren Personalausweis akzeptieren und Ihnen so Unrecht tun – etwa eine Beantragung von Hilfsleistungen unmöglich machen. Rechnen Sie auch damit, dass immer wieder Unterlagen schlicht abhanden kommen, insbesondere die entscheidenden. Alles andere wird nicht oder nur sehr zögerlich bearbeitet oder ohne Angaben von Gründen abgelehnt. Machen Sie sich klar, dass die Beamten sich selbst nicht so sehen, sondern wahlweise als ehrbare Diener des Staates oder schlicht als überfordert. Als Faustregel gilt: Beim Betreten eines Jobcenters verlassen Sie den Boden, auf dem deutsches Recht und Rechtsprechung in bekannter Form Anwendung finden, ob Sie das wollen oder nicht. Nehmen Sie es leicht, bleiben Sie unverdrossen und behalten Sie derlei Gedanken für sich! Es glaubt Ihnen ja doch keiner. Und wenn ihr Arbeitsvermittler Ihnen dann einen Job als Lagerarbeiter verschaffen will und dabei vielsagend und höhnisch grinst – verweisen darauf, dass sie kurz vor Untergewicht und daher dafür nicht geeignet sind.

19. Schulterschluss
Spaß mal beiseite: Sie sollten mit möglichst wenigen Menschen über Ihren Hartz-IV-Bezug reden. Das macht Ihnen das Leben einfacher, auch wenn von letzterem freilich nicht mehr viel übrig ist. Denken Sie sich vielmehr einen Grund aus, warum Sie sich auf Feierlichkeiten von Freunden, in ihrem Lieblingsrestaurant, bei Familienfesten und andernorts nicht mehr blicken lassen. Klar, Sie haben einfach keine Kohle, um sich die Busfahrt dorthin zu leisten. Aber wollen Sie das offen sagen? Es soll vielmehr Hartz-IV-Empfänger geben, die ihren Freunden von einem ausgedachten Job sonstwo erzählen und sie nur einmal im Jahr treffen, wenn sie „gerade in der Stadt“ sind – und die ganz vortrefflich damit durchkommen. Den Rest der Zeit sitzen die dann halt daheim und schämen sich für ihr Schicksal. Werden Sie auch so, wenn Sie sich allzu sehr grämen. Die Geschichte wird Ihnen dann ausnahmsweise jeder glauben – und Sie haben dazu bestimmt noch eine Menge Spaß. Sie können natürlich auch offensiv damit umgehen und sich ein T-Shirt mit Hartz-IV-Logo darauf drucken.

Sebastian Grundke ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt die Kolumne „Was mich bewegt“ freitags.

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